Ein Hauch von Alt-Berlin

Im nach mehrmonatiger Schließung wieder geöffneten Ephraimpalais stellt die Stiftung Stadtmuseum aus Anlass des seit 1980 alljährlich im November begangenen „Monats der Fotografie“ eine 1948 durch glücklichen Zufall gemachte Erwerbung vor, die von besonderem Wert für das Stadtmseum wie für Berlin insgesamt ist.

Das Anfang Juni 1948 (also vor der Währungsreform!) für 250,- RM vom Märkischen Museum – dem Stammhaus der Stiftung – angekaufte einzig erhaltene von ursprünglich wohl 15 Alben mit der Angebotspalette des Fotoateliers F. Albert Schwartz.
Dabei handelt es sich um 358 Aufnahmen, die Friedrich Albert Schwartz (1836-1906) zwischen 1865 und 1905 von Berliner Gebäuden, Straßen und Plätzen anfertigte, um als „Gewissen der Stadt“ von Abriss und gravierendem Umbau bedrohte überkommene Berliner Lokalitäten der Nachwelt in fotografischer Wiedergabe zu erhalten. 187 der auch ästhetisch reizvollen Fotos werden, begleitet von instruktiven historischen Kommentaren, in der Ausstellung direkt vorgestellt; alle 358 sind – gegliedert nach den Themenbereichen Bauten, Schloss, Gotteshäuser, Verkehr, Lokale, Tiergarten, Momentaufnahmen – in einer multimedialen Schau individuell abrufbar. Vier den Raum beherrschende Kuben beherbergen zudem 17 der Originaltafeln mit Kontaktabzügen von den Schwartz‘schen Negativen, wie sie im „Album Nr. 15“ zusammengebunden waren – der Besucher muss nur die eingelassenen Kassetten herausziehen und erhält exakt den Eindruck, den Schwartz‘ Kunden bei der Suche nach schon dokumentierten Motiven hatten. Sie bieten Einblick in ein Berlin, das noch nicht von Bauten der Gründerzeit und den Produkten der ihr folgenden diversen Modernismen geprägt ist – eben das „alte“ Berlin: die nüchterne Residenz, noch nicht die protzige Kaiser- und Reichshauptstadt.
Unter den 358 Fotos fanden die Erwerber auch das eine und andere Motiv, das im Auftrag des Märkischen Museums entstand: 1886 hatte dieses den Magistrat bewegen können, pro Jahr 1.500 Mark in die fotodokumentarische Erfassung Berliner Gebäude und Örtlichkeiten zu investieren, und die Aufnahmen dem Museum zu überweisen. Die erste Lieferung für dieses Projekt fotografischer Stadtbilddokumentation verzeichnen die Folianten des Museums am 19. Oktober 1886. Ziemlich exakt zum 120. Jahrestag des Datums (und im Jahr des 100. Todestages von Schwartz) wird nun ein Ausschnitt aus jener Fotodokumentation präsentiert, der einen Eindruck vermittelt sowohl vom alten Berlin als auch von Schwartz‘ kulturhistorischer Leistung – der man eine Entsprechung in der Gegenwart wünschte.

„camera berolinensis“. Das Berliner Album des Fotografen F.A.Schwartz. Ephraimpalais,
Poststr. 16. Bis 7.1.2007, Die u. Do. – So. 10 – 18 Uhr, Mi. 12 – 20 Uhr, Eintritt 3,- E, Mi. eintrittsfrei
Der Katalog (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, ISBN 3-89479-359-7) reproduziert auf 144 S. alle in der Ausstellung vertretenen Motive, die 50 schönsten davon ganzseitig.
Preis 34,90 €

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