Zeugnisse vom Umbau einer Metropole

Es scheint doch nicht ganz so schlecht zu stehen um die brückenschlagende Funktion der Kultur: während infolge der texanischen Hau-drauf!-Politik diplomatische Eiseskälte zwischen den Cowboys in Washington und den mehr aufs Völkerrecht Bedachten im “alten Europa” herrschte, handelten Berliner und New Yorker Museumsleute in aller Ruhe neue und bessere, sich in der Vergabe wichtiger Ausstellungen niederschlagende Beziehungen aus. Die spektakulärsten Früchte erntet z. Z. die Neue Nationalgalerie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit einer Auswahl von Schätzen des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Die Medien sind – zurecht – voll davon. Weit weniger spektakulär bietet sich da eine z. Z. laufende Ausstellung im Ephraim-Palais dar, in der die Stiftung Stadtmuseum der Berliner Öffentlichkeit die erste Frucht ihres neuen partnerschaftlichen Miteinanders mit dem Museum of the City of New York präsentiert. Das Thema der am 26. Februar eröffneten (und bis 20. April zugänglichen) Exposition mit 109 Fotografien von der amerikanischen Fotokünstlerin Berenice Abbott (1898-1991 – bei einschlägig befassten Fotografie-Historikern als eine der profiliertesten Vertreterinnen der “Fotografischen Moderne” fest eingeschreint) ist dem Wandel des architektonischen Ambientes der City von New York zwischen 1935 und 1939 gewidmet, und die Ausstellung heisst dann auch nach dem damaligen Projekt “Changing New York”. Die 109 Exponate (eine Auswahl aus den insgesamt 305 von Abbott für das Ergebnis des Projekts autorisierten Aufnahmen) entstanden seinerzeit im Rahmen eines von der US-Bundesregierung geförderten Vorhabens zur Dokumentierung des urbanen Umbaus in der Periode des zweiten Wolkenkratzerbooms der Ostküsten-Metropole. Wer eiskalte Annäherung an Nüchternheit und Ökonomie demonstrierende Architektur, der en masse historische Bausubstanz zum Opfer gefallen war, bestaunen will, darf sich die Ausstellung nicht entgehen lassen.
Aber die Exposition hat weit über ihren Wert für interurbane Zusammenarbeit wie für Debatten um Fotografie-ästhetische Einordnungen (für welch letztere Fotografie-Freaks schon sorgen werden) eine sehr aktuelle Bedeutung für ein lokales kulturhistorisches Problem: das New Yorker Museum (das erste stadthistorische in den USA) hatte sechs Jahre nach seiner 1923 erfolgten Gründung Berenice Abbott bereits seine Unterstützung für ihr damals schon ins Auge gefasstes Dokumentationsvorhaben signalisiert. Das exakt 50 Jahre vor dem New Yorker gegründete Berliner Stadtmuseum (das Märkische Museum) brauchte seinerzeit 13 Jahre, bis es angesichts des vehementen Stadtumbaus des zur Reichshauptstadt mutierten Berlin seinen Etat um einen Posten für die Foto-Dokumentation des überall sichtbaren Werdens und Vergehens bereicherte. Diesem lobenswerten Schritt verdankt Berlin einmalige fotometrische Zeugnisse, deren sich Berliner Denkmalpfleger und Restauratoren heute dankbar bedienen. Leider erfuhr man bei der Eröffnung der Ausstellung, dass an einen ähnlichen Fond im Haushalt der Stiftung Stadtmuseum für die vor unseren Augen ablaufenden Prozesse nicht zu denken sei…

Dr. Wernicke

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