Einblick in einen Aufbruch zur künstlerischen Moderne

Einblicke

Die Warteschlangen vor der MOMA- wie vor der “Goya”-Ausstellung haben die Neue und die Alte Nationalgalerie wieder einmal als Schatzkammern und Ausstellungsorte der Bildenden Kunst in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Zur Aura solcher auch überlokal, ja international geschätzter Kunsttempel gehört es, lokal begrenzte Kunstsammlungen mühelos zu überstrahlen. So werden sich mit Sicherheit keine Schlangen vor dem zur Stiftung Stadtmuseum gehörigen (und aus bautechnischen Gründen z. Z. rund um das Portal mit einer hässlichen hölzernen Stützkonstruktion verunzierten) Ephraim-Palais bilden, die die gegenwärtig dort laufende Gemälde- und Skulpturenausstellung zum Aufbruch Berliner bildender Künstler in die Moderne sehen wollen. Das hat andererseits den Vorteil, dass Interessierte sich diese hoch beachtenswerte Ausstellung jederzeit zu Gemüte führen und den für die Museumsinsel zu empfehlenden Klappstuhl für die dortige Wartezeit zu Hause lassen können.
Im Ephraimpalais präsentiert die Stiftung Stadtmuseum jetzt eine Ausstellung zu Tendenzen der Berliner Kunstentwicklung zwischen 1888 und 1918. Wem die beiden Jahreszahlen bekannt vorkommen als Eckdaten der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., der trifft genau das Anliegen des Ausstellungsprojekts: Wilhelm II. maßte sich bekanntlich an, oberster Kunstrichter in seinen Landen zu sein und sorgte für die Diffamierung jener Kunst, die nicht zu seinem Geschmack passte. Die gegen ihre Diskriminierung rebellierenden Künstler – von den offiziellen akademischen Kunstausstellungen ausgeschlossen – fanden sich zu eigenen Präsentationen zusammen und organisierten sich schließlich 1898 in der “Berliner Secession”: Klinger, Leistikow, Liebermann, Skarbina sind Namen von deren Gründern, die auch heute allgemein geläufig sind. Die “Secession” sorgte zunächst für die breite Anerkennung des Impressionismus in der Berliner Kunstszene. Abspaltung war vorprogrammiert, als um 1910 mit Beckmann, Marc, Pechstein u.a. der Expressionismus seinen Platz verlangte: er fand erst in der Neuen, dann in der Freien Secession seine Heimat.
Beide Kunststile, mit denen Maler und Bildhauer ihre Abkehr vom Akademismus demonstrierten, bilden die Achse der Ausstellung, deren bemerkenswerte Besonderheit in dem Wechsel noch heute geläufiger Namen mit der Breite jetzt minder bekannter Berliner Avantgardisten der Moderne besteht – vorgeführt anhand von Werken, die sich alle im Besitz der Stiftung Stadtmuseum befinden! (Der begleitende Katalog, der dies ausweist, hat seinen Preis, ist aber auch von einzigartiger Qualität in Inhalt und Gestaltung.)
So erfüllt die neue Ausstellung zugleich die Aufgabe, den Berlinern darzulegen, welch enormer Bestand an Kunstwerken Berliner Provenienz im Stadtmuseum versammelt ist – zum Großteil Schenkungen aus Berliner Privatbesitz. Deren neueste aus dem Nachlass des Berliner Architekten und Malers Rolf D. Schmidt (1929-1989) ist konsequenterweise dann auch in der ergänzenden Schau “Auf dem Wege zum absoluten Kunstwerk” gleich neben den Avantgardisten zu sehen.                         Dr. Wernicke

“Von Liebermann zu Pechstein. Kunst der Berliner Secession”. Ephraimpalais, 19.8.-16.10.05.  Geöffnet Di, Do – So 10.00 – 18.00, Mi 12.00 – 20.00; Eintritt 3,- €, erm. 1,50 €;  Mi Eintrtittsfrei.  Katalog 25,- €

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