Restrukturierungskurs soll Konsum retten

Protest

Nach den stürmischen Turbulenzen der letzten Wochen zeigt sich für die Berliner Genossenschaft ein Silberstreif am Horizont. Eine Zwischenbilanz von Rudolf Hempel
Jahrelang hatte das traditionsreiche Genossenschaftsunternehmen nicht nur bei ihren 190 000 Mitgliedern für positive Schlagzeilen gesorgt, über die auch die Berliner Lokalnachrichten berichteten. Vor allem die attraktiven Dividenden von sechs Prozent wirkten auf Konsumgenossen und solche, die es dann wurden, wie ein Magnet: Seit Mitte der neunziger Jahre verzehnfachten sich die Einlagen, sie liegen jetzt bei 57 Millionen Euro. Positive Investitions-Signale, Expansion der K-Tours-Gruppe, Bau von Allende-Center und Taut-Passage, subventionierte Revuebesuche im Friedrichstadt-Palast, auch die Oktoberfeste in Rübezahl vermittelten die Eindruck, als ob sich das seit 1992 unter der Immobilienflagge segelnde Konsum-Schiff für lange Zeit auf einem guten Kurs befinde. Der Eindruck war trügerisch, wie sich herausstellen sollte.
Erste dunkle Gewitterwolken zogen auf, als Vorstandsvorsitzender Ernst Vatter, für viele völlig unerwartet, im Mai 2002 die Kommandobrücke in der Orlopp-Straße verlies. Unternehmensberater Heinz Jäger aus Hessen, zuvor Chef des Aufsichtsrates, trat seine Nachfolge an. Er proklamierte die KonsumCard und versprach, den leck geschlagenen Dampfer wieder flott zu machen: Familiengenossenschaft hieß nun das Zauberwort. Und noch im Jahre 2003 sollte, so Jäger im Konsum-Magazin, die Gewinnzone wieder erreicht werden.
In den letzten Monaten hat sich allerdings der Wind erneut gedreht. Eigenmächtiger Führungsstil des schwergewichtigen Chefs, eine weitere kräftige Immobilienabwertung, sich abzeichnende hohe operative Verluste, vor allem aber die Jäger-Absicht, den Immobilienbestand des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft auszugründen, führten nicht nur in der Führung zu harten Auseinandersetzungen. Nun traten auch die Vertreter auf den Plan. Sie fürchteten zu Recht, dass mit einer AG-Gründung das Genossenschaftswesen ad absurdum geführt werden kann. Um einer Abwahl durch die Vertreter zuvor zu kommen, verlies der auch mit überhöhten Honorarforderungen konfrontierte Kapitän das Schiff. Missverstanden und überhaupt ohne Schuld am drohenden Insolvenz-Dilemma, wie er meinte.
Sein Nachfolger wurde im Juni 2003 der 35 Jahre alte Bankmanager Alexander H. Lottis. Er war von Konsumverbandssprecher Martin Bergner, der in Nachfolge des ebenfalls zurückgetretenen Dr. Christof Hettich neuer Vorsitzender eines neuen Aufsichtsrates wurde, ins Gespräch gebracht worden. Sein Monatssalär würde bei 15.000 Euro liegen, entsprechend der Konsum-Satzung wurde sein Vertrag auf fünf Jahre datiert. Kaum bekannt war, welche Fähigkeiten den vorher als Kundenberater tätig gewesenen smarten „West-Banker“ auszeichnen sollten, eine „Ost-Genossenschaft“ mit diesem historischen und gesellschaftlichen Hintergrund aus einer existentiellen Krise zu führen.
Als nicht lange nach seinem Amtsantritt die regionalen Medien, allen voran die Berliner Zeitung, ausgehend von Informationen unbekannter Herkunft mit Schreckensmeldungen über ein der Insolvenz entgegen sinkendes Konsum-Schiff aufwarteten, wichen Staunen und Unglaube beim Konsumvolk schnell dem blanken Entsetzen. Lottis verhandelte mit den Banken und – lies er verlauten – verhinderte so erst einmal die drohende Katastrophe. Parallel dazu machte er im Minuten-Takt „wahrheitsgemäße und schonungslose“ öffentliche Verkündigungen. Darunter auch im BLN-Interview (Ausgabe 16/03), zuletzt auf der von ihm und Bergner aus scheinbar heiterem Himmel, aber präventiv einberufenen Pressekonferenz am 1. September. Hier wurde ein strategisches Konzept sichtbar, das einen langfristig gravierenden Imageverlust des Unternehmens mit unabsehbaren Folgen geradezu provozierte: nach Wiederholungs-Controlling durch einen Prüfverband aus Sachsen ein Rekordverlust für 2002 von 96 Millionen Euro, langjährige Bilanzfälschungen und Manipulationen, Dividendenzahlung als „Beruhigungspillen“, staatsanwaltliche Aktivitäten gegen seinen unmittelbaren Vorgänger und andere, Mitgliedereinlagen als definitiv „verbranntes Geld“ – das waren die Kernpunkte.
Dass er in seiner kurzen und zugleich unkooperativen Führungs-Amtszeit das Cheftrio von Dorint Hotel, Rübezahl und K-Tours unter teils dubiosen Umständen aus dem Amt entfernt hatte und die gerade erst zum 3. Vorstandsmitglied berufene Prokuristin Heiderose Reimer vom Aufsichtsratspräsidium „vorübergehend beurlaubt“ worden war, erfuhr nur, wer auch auf die Nebensätze hörte.
Die Quittung erhielt der schonungslose Verkünder zwei Tage später. Auf einer weiteren außerordentlichen Versammlung versagte ihm eine Mehrheit der anwesenden 49 (?) stimmberechtigten Vertreter die Gefolgschaft. Wie aus einer Konsum-Presseinformation hervorgeht, habe „Lottis durch seine Informationspolitik dem Unternehmen schwer geschadet.“ Vorwürfe über gefälschte Bilanzen und Gutachten hätten sich bisher als haltlos erwiesen. Im übrigen habe der Berliner Prüfungsverband der deutschen Konsum- und Dienstleistungsgenossenschaften (PdK) vor den Vertretern „die Ordnungsmäßigkeit der letzten Jahresabschlüsse ausdrücklich bestätigt“.
Parallel zur Vertreter-Tagung veranstaltete eine Gruppe aufgeschreckter, verantwortungsbewusster Konsummitglieder eine per Zeitungs-Anzeige „Droht unserem Konsum Berlin die Ausplünderung?“ avisierte Protest-Demo. Dabei wurden von den 200 Teilnehmern Vorschläge zur Rettung der Einlagen heiß diskutiert.
Nunmehr führen die Vorstände Hannelore Winter und die wiedereingesetzte Heiderose Reimer die Geschäfte weiter, ein neuer Vorstandsvorsitzender wird zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch gesucht. Beide erhielten von den Vertretern ein „eindeutiges Votum“. Ihr Ziel ist es, zur nächsten ordentlichen Vertreterversammlung, die voraussichtlich Ende September stattfinden wird, den längst überfälligen sachgerechten Jahresabschluss für 2002 vorzulegen. Darüber hinaus sollen neutrale Sachverständige zur Bewertung herangezogen werden. Unter aktiver Einbeziehung von Aufsichtsrat und Vertreterschaft, versteht sich. Es sei zu prüfen, ob die Einlagen tatsächlich zur Verlustdeckung verwendet werden müssen. Und wenn ja, in welcher Höhe. Dabei werde ein Interessenausgleich zwischen den Mitgliedern und den Banken, denen gegenüber Verbindlichkeiten in Höhe von 140 Millionen Euro bestehen, angestrebt. Nun also erste positive Signale aus der Zentrale. Ungeachtet dessen steht soviel wohl fest: Wer weiter auf den Konsum setzt und seine Einlagen hofft, muss eine vollkommen neue Zeitschiene aufmachen.
Vorläufiges Fazit: Vertretermehrheit, Aufsichtsrat und Konsum-Mannschaft sind auf einem schweren Restrukturierungskurs. In dem auch die zwölf Gläubigerbanken mit der Berliner Bank an der Spitze und die politische Klasse des Landes mit der rot-roten SPD/PDS-Koalition Verantwortung tragen. Es ist zu hoffen, dass man in der Genossenschaft und seinen Gremien, anders als in der Vergangenheit, die Zeichen der Zeit nun endlich in seiner vollen Schärfe erkennt und danach handelt. Viele noch klärungsbedürftige Fragen und Probleme von substantieller Bedeutung sowie manche objektiven und subjektiven Unwägbarkeiten werden den Weg des weiter in stürmischer See befindlichen Konsum-Schiffs bestimmen.
Auf diesem Wege zeigt sich aber auch die Silhouette des Großprojekts „EKZ Berlin-Buch Schlosspark-Passage“: In der vergangenen Woche war Richtfest. Das nunmehr 9. Oktoberfest lädt noch bis zum 14. September ins Rübezahl. In etwa 200 Geschäften der Stadt kann weiter mit der KonsumCard eingekauft und damit Geld gespart werden. Noch also lebt der Konsum. Es scheint ein Silberstreif am Horizont, jedoch ist der sichere Hafen noch in weiter Ferne.

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