Nach der feinen Klinge nun der schwere Säbel

Es war voraus zu sehen, dass nach vier Helmschrot-Inszenierungen in Folge es das nächste Programm im Chamäleon schwer haben würde. Die Leitung des Varietés – seit April berät der alte Theaterhase Markus Pabst das Haus künstlerisch – tat das wohl einzig Richtige, mit der Ulknudel Carl-Einar Häckner einen ausgesprochenen Kontrapunkt zu setzen.

Hatte bei Karl-Heinz Helmschrot das geschliffene Wort die Dominanz, so purzelt der Schwede gewissermaßen mit dem schweren Säbel über die Bühne, wobei er dem Namen des Programms “In a broken world” gemäß von einem Missgeschick in das andere stolpert. Da Häckner schon zweimal im Chamäleon gastierte, begegnen den Stammbesuchern natürlich “alte Bekannte”, zum Beispiel wenn er eine breite Mundharmonika nicht mehr aus dem Mund bekommt, oder wenn er einem Partner vermeintlich mehrere Messer in den Kopf stößt, so dass das Theaterblut in Strömen fließt. Blut hat es ihm überhaupt angetan. So meint man, er schneidet sich mit einem Messer zentimetertief in den Arm, das Blut trieft…aber gemach, der “alte Schwede” bleibt natürlich heil. Er beherrscht wohl nahezu alles aus der Trickkiste der Gaukler und Magiers. Ob da nun die Jungfrau zersägt wird oder geheimnisvoll unter seinen Händen schwebt – lautstark, mit viel Trubel auf der Bühne, zelebriert er uraltes Artistenkönnen, immer wieder gemixt mit seiner ureigenen Slapstick-Art, die Dinge zu verzerren oder Vernünftiges ad absurdum zu führen.
Carl Einar Häckner hat mit der ABRACADABRA Company wieder ein eigenes, internationales Ensemble mit nach Berlin gebracht. Ohne die Leistung der durchweg sehr guten artistischen Einzelnummern mindern zu wollen, möchte ich doch ausnahmsweise einmal das Lob für die vier Musiker – Bernt Anderson, Michael Krönlein, Per Melin und Stefan Abelson – voranstellen, die Häckners Burlesken wie auch die Varieté-Vorstellungen ganz hervorragend bekleiden und unterstützen. Und nun zur Artistik. Svetlana, die Frau aus der Kiste, zeigt ausgezeichnete Kontorsion. Bei einigen Nummern fragt man sich, wie die junge Moskauerin sich verbiegt und verrenkt, um bei Carl-Einar Häckners Zaubertricks nicht verletzt zu werden. Aus Kuba kommt Raphael de Carlos, dessen Kunst zu recht als Hochgeschwindigkeitsjonglage bezeichnet wird. Wie der Mann mit Fußbällen umgeht … Donnerwetter! Häckners Landsmann Magnus Jakobson verwandelt ein eisernes Bettgestell in ein Trampolin, unglaublich, wie er nach meterhohen Sprüngen bäuchlings auf die Bühnenbretter kracht und doch wieder vergnügt auf die Beine kommt. Vervollständigt wird die Truppe durch Silea, die phantastisch an Vertikaltüchern turnt (wenn dieser prosaische Begriff für die tänzerische, akrobatische Leistung einmal gestattet wird) und von Pipi, der im Programmheft als “Ideen-Empfänger – ein Reisender” deklariert wird und dem Chef des Ganzen immer gekonnt zur Hand geht. Mit Carl-Einar Häckners Show “In a broken world” ist das Chamäleon seinem guten Ruf treu geblieben, in der Hauptstadt das etwas andere Varieté zu sein. Gerry Michaél
Chamäleon Varieté. Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40741, 10178 Berlin. Gespielt wird bis 29. Juni 2003 Mi-Sa 20.30 Uhr, So 19 Uhr. Kartentelefon 030/2827118, Fax 030/23457823, www.chamaeleon-variete.de

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.