Ein Theaterereignis spezieller Art

Die hauptstädtischen Freunde des außergewöhnlichen Theaters erwartet in den nächsten Tagen ein einmaliges Erlebnis. Der Berliner Regisseur Stephan Stroux hat es geschafft, den Erfolgsroman “Union der festen Hand” von Erik Reger in eine bühnenreife dramaturgische Fassung zu bringen und zu inszenieren.

Der Roman des Insiders – immerhin arbeitete Reger Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Presseabteilung des Krupp-Konzerns – beschreibt, wie es in einem Begleittext zum Stück heißt, “eine historische Umbruchzeit in Deutschland. Eine Zeit, in der sich die schwelenden Konflikte zwischen Industriemagnaten, Arbeiterschaft und Politik verdichteten und in der die zentralen politischen Weichen von der Industrialisierung im 19. zur Globalisierung im 21. Jahrhundert gestellt wurden”. “Das Stück”, so wird weiter geschrieben, “kommt über die Geschichten konkreter Figuren im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital auf verblüffende Weise in der Gegenwart an.” Das auf den ersten Blick so spröde Thema wird von Stroux mit Hilfe eines erfahrenen internationalen Ensembles von Schauspielern, Musikern, Licht- und Feuerkünstlern zu einem fesselnden bühnenreifen Ereignis geformt. Dabei ist Bühne eigentlich nicht der zutreffende Begriff, denn das Stück wird nicht in einem normalen Theaterraum gezeigt, sondern als großflächige Industrielandschafts-Inszenierung in ehemaligen Anlagen der Schwerindustrie. Ein weiteres Charakteristikum dieser Inszenierung ist, dass das Geschehen nicht in einem einzelnen Raum abrollt. Im ehemaligen RAW an der Revaler Straße, dem Berliner Spielort, folgt der Zuschauer den Darstellern in 10 verschiedene ehemalige Werkhallen, ein Novum, das natürlich höchste Anforderungen an die Regie stellt, weil die Übergänge von einem Ort zum anderen sich logisch ergeben, den Zuschauer mitdenken und mitfühlen lassen müssen (nebenbei bemerkt, sollte der Zuschauer an diesem Abend festes Schuhwerk und passende Robe wählen; für schwer Gehbehinderte würde diese Besucherwanderung wahrscheinlich zur Strapaze).
Aber damit ist das Besondere an dieser Inszenierung noch nicht erschöpft. Stroux wird das Stück nach dem Start in Berlin auch noch am Rammelsberg Goslar, einer Erzgrube, die zum Weltkulturerbe zählt, im Verbundbergwerk Göttelborn und auf dem Gelände der einst größten und modernsten Kohlenzeche Europas, dem Zollverein Essen, aufführen. Dabei wird das gleiche Stück mit dem gleichen Ensemble den jeweiligen örtlichen Bedingungen angepasst.
Wer sich in Berlin für dieses Theaterspektakel interessiert, sollte sich schnellstens um Karten bemühen, denn aufgrund der baulichen Gegebenheiten im RAW – es ist übrigens im Gegensatz zu den anderen Spielorten, die als Industriedenkmäler museal genutzt werden, eine Industriebrache – können je Aufführung nur 150 bis 170 Besucher “untergebracht” werden. Das ehemalige RAW in der Revaler Straße in Friedrichshain, in dem 1991 die Arbeit eingestellt wurde, liegt nahe am S-Bahnhof Warschauer Straße und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Veranstaltungstage sind vom 16.-18., 21.-25., 28.-31. Mai sowie am 1. und vom 4.-7. Juni, jeweils 20 Uhr. Kartenverkauf Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen. Kartentelefon 030/25489254 u. 030/25489100. Preis 15 (ermäßigt 10) Euro. Gerry Michaél

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