Medien – der Kaiser neue Kleider

Gerade haben wir einen “Medienkanzler” überlebt. Aber wenn die ihm nachfolgende Kanzlerin auch nicht so foto- und telegen daherkommt wie ihr Vorgänger – die jetzt antretende politische Elite wird sich dem Volk nicht weniger überzeugend präsentieren wollen als alle Politiker vor ihr.
Entschlossen, ehrlich, kenntnisreich, dazu noch menschlich und dem Volke verbunden. Dieses Bild bringen dann die Medien über Funk, Fernsehen und Bunte Blätter unter die Leute.
Herrschende haben allerdings stets Imagepflege betrieben. Sie griffen dabei auf die zu ihrer Zeit verfügbaren Medien zurück. Jahrtausende lang waren das nur Monumente. Aber die Vielfalt der Medien nahm im Lauf der Zeit zu: Flugblätter, Bücher, Kupferstiche und Lithografien vertausendfachten die Möglichkeiten, das Bild der Macht – geronnen im Herrscher – unter das Volk zu bringen, wo die Berührung mit deren konkretem Abbild Ehrfurcht und Bewunderung zu wecken hatte. Die Fotografie brachte in diesen Trend dann einen wahrhaften Qualitätssprung.
Der passte sich zeitlich gut ein in den Bedarf der Hohenzollern-Dynastie (die bei der Errichtung des Deutschen Reiches als einem Bund von 21 Fürsten und 3 Freien Städten Anfang 1871 ihren Präses als emotional integrierende kaiserliche Symbolfigur an die Spitze der neuen Schöpfung gestellt hatte) an Legitimation. Da sie nicht auf eine ins Mittelalter reichende Traditionslinie im Verfolg deutscher Reichspolitik verweisen konnte, brauchte sie eine Aura, in der sich Größe, Zielstrebigkeit und Leutseligkeit mischten. Während sich der altbackene Wilhelm I. wenig um solche  “Vermarktung” kümmerte, nahm der Kronprinz (1888 dann für 99 Tage Friedrich III.) die Aufgabe zielstrebig in die Hand: im Zuge des beginnenden Aufstiegs der Museen zu Massenmedien bewog er 1875 seinen Vater, die Umgestaltung des Zeughauses zu einer “Ruhmeshalle” anzuordnen und begründete 1877 im (1943 bombenzerstörten) Schloss Monbijou an der Oranienburger Straße das “Hohenzollern-Museum”.
Der 125. Jahrestag der Eröffnung des “Hohenzollern-Museums” ließ die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ein Projekt in Angriff nehmen, das die Nutzung der zeitgenössisch verfügbaren Medien durch die Hohenzollern-Kaiser vorführt. Im Ergebnis wurde am 18. Oktober die Ausstellung “Die Kaiser und die Medien” eröffnet, deren Besuch nicht warm genug empfohlen werden kann: nicht nur, dass man drei der personalisierten Räume des “Hohenzollernmuseums” nachgestaltet erlebt – in dem Raum zur exzessiven Nutzung monumentaler Kaiser-Skulpturen (es gibt natürlich auch einen zum Thema “Malerei”) trifft man auf das Modell des sogenannten Nationaldenkmals am Schlossplatz (wo noch heute am Westrand die erhöhte Estrade für das von den Berlinern “Wilhelm in der Löwengrube” benannte Ensemble von 1897 zu sehen ist). Wer den von Wilhelm II. beherrschten Raum “Photographie” mit wachen Sinnen analysiert, kann nicht nur über den Zusammenklang von Bild- und Massenmanipulation sinnieren – er wird auch gewahr, wieviel aus jener Zeit des Byzantinismus sich in das Heute hinübergerettet hat. Der Schlussraum “Film” liefert – neben den Streifchen mit Wilhems II. Heldenposen plus inszenierter Bürgerlichkeit – eine eigene Kostbarkeit: den Stumm-“Film von Königin Luise” von 1912, den Wilhelm II. anregte und unterstützte. Dr. Wernicke

Schloss Charlottenburg, Knobelsdorffflügel. Noch bis zum 17.4.2006: “Die Kaiser und die Macht der Medien”. Dienstag bis Sonntag 11.00 – 17.00 (letzter Einlass), Eintritt 5,- _ (erm. 4,-) Schulklassen 3,- pro Schüler incl. Führung. Katalog 128 S., 102 tls. farb. Abb.  18,e

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