Spitzenkicker – der Vergessenheit entrissen

Beim 13:0-Sieg gegen San Marino erwähnte der Kommentator, dass ein Ergebnis in dieser Höhe erst einmal zu verzeichnen gewesen wäre – 1940 gegen Finnland! Aber wer weiß schon, dass und wann eine deutsche Fußball-Nationalelf einmal einen noch höheren Sieg eingefahren hat?

Bei allen Ausstellungen, die Berlin zur FIFA-WM 2006 zum Thema Fußball vorstellte, war das nicht zu erfahren. Es bedurfte einer in der „Nachspielzeit“ der WM eröffneten Exposition, mit der die „Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum“ jetzt an die Öffentlichkeit tritt, um das zu erfahren: bei der Olympiade in Stockholm 1912 besiegte die deutsche Nationalelf die russische am 1. Juli mit 16:0! Zehn Tore schoss allein Gottfried Fuchs (1889-1972) – ein bis heute bestehender Rekord!
Weshalb das nicht zum Allgemeinwissen deutscher Fußballanhänger gehört, macht die Ausstellung in der Oranienburger Straße verständlich: Fuchs war Jude – genau wie sein Karlsruher Vereinskamerad Julius Hirsch (1892-1943), mit dem er 1911 bis 1913 in der deutschen Nationalmannschaft die gefürchtete „Doppelspitze“ besetzte, die z.B. beim Länderspiel Deutschland – Niederlande (5:5) im Jahre 1912 alle fünf deutschen Tore erzielte! Aber der Ruhm jüdischer Spitzenspieler im Trikot der deutschen Nationalelf wurde vom NS-Regime gnadenlos ausgemerzt: als der 1920 von dem jüdischen Fußballfanatiker Walter Bensemann (1873-1934) begründete „Kicker“ 1939 ein Album der 400 berühmtesten Aktiven aus der deutschen Fußball-Geschichte präsentierte, suchte man Fuchs und Hirsch darin vergeblich. Und die dort gefeierten 400 nahmen das ohne Murren hin – auch z. B. Sepp Herberger, der natürlich vertreten war, und als Kind beide hatte spielen sehen und sich durch sie für das runde Leder hatte begeistern lassen. Da ist es verständlich, dass man in deutschen Fußballvereinen 1945 ff. nicht gern an das Schweigen zum 1933 verordneten Ausstoßen der jüdischen Sportkameraden aus den Gemeinschaften erinnert werden wollte, und so strich man sie gleich ganz aus der durchaus noch vorhandenen Erinnerung. Fuchs war ohnehin im fernen Kanada, und Hirsch war 1943 im KZ Auschwitz ermordet worden!
Erstaunliches teilt die Ausstellung über das sportliche Leben in den jüdischen Sportvereinen mit, die von 1933 bis 1938 jüdischen Fußballern allein noch die Möglichkeit zum Kicken eröffneten. Mit unserem heutigen Wissen fast makaber wirkt ein Foto, das die Elf aus Vertretern jüdischer Fußballvereine in NS-Deutschland bei der 2. Maccabiah (jüdische Sport-Weltspiele) in Tel Aviv im Jahre 1935 zeigt: wer von ihnen nicht zu emigrieren vermochte, muss ziemlich sicher der NS-Tötungsmaschinerie zum Opfer gefallen sein. Dass die Überlebenden ab 1947 hier und da wieder kickten, belegen Fotos des legendären RIAS-Moderators Hans Rosenthal (1925-1987) im Trikot von Hakoah Berlin.
Ein Glanzpunkt der Ausstellung ist die Zweitfassung der DFB-Siegtrophäe „Victoria“ für den deutschen Fußballmeister, die 1903-1944 verliehen wurde. Wer genau hinsieht, entdeckt für den Meister der Saison 1904/05 den FC UNION BERLIN. Hexerei? Nein, es ist ein damals bestens renommierter Verein, der nach 1918 sein Leben aushauchte.
Dr. Wernicke

Kicker, Kämpfer, Legenden. Juden im deutschen Fußball. Oranienburger Str. 28-30-. Noch bis 15.12., Sonntag bis Freitag tgl. ab 10 Uhr. Eintritt 3,-  Euro erm. 2.50 Euro     Gruppenführungen nach schriftl. Anmeldung unter schollmeyer@cjudaicum.de

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