„Klassenideale und Klassenfeinde“

Das Deutsche Historische Museum hat dem Publikum bereits mehrmals (auch schon, als es noch Museum für Deutsche Geschichte hieß) Ausstellungen präsentiert, die es allein aus seinem breiten Fundus an Plakaten bestückte.

Wie man der Presse entnimmt, droht dieser Breite nun Einengung, denn jener Teil des Bestandes, der die Zeit bis 1933 abdeckt, ist einst Privatbesitz eines Dresdner jüdischen Unternehmers gewesen. Er blieb bei dessen Flucht vor den Nazis zurück, gelangte auf Umwegen 1952 in das Museum für Deutsche Geschichte und wurde 1990 mit diesem vom Deutschen Historischen Museum übernommen. Nun klagen die Erben des Sammlers auf Rückerstattung des inzwischen preislich hoch anzusiedelnden Bestandes.

Bevor die anstehende Auseinandersetzung Lücken in den Plakatfundus zu reißen droht, wuchert das Deutsche Historische Museum noch mit seinem Pfund. Schon 2005 stellte es daraus die Ausstellung über Werbestrategien 1871-1933 zusammen (wir berichteten). Jetzt überrascht es mit einem qualitativ beachtlichen Schritt zur Auswertung des Exponats „Plakat“: Plakate erscheinen in der neuen Ausstellung „Klassenideale und Klassenfeinde“ nicht mehr nur als das gesamte 20. Jh. begleitende Illustrationen zum manipulativen Angriff auf die Psyche des Betrachters. Sie werden jetzt eingesetzt als dokumentarische Belege dafür, wie Auftraggeber und Gestalter ihre gesellschaftliche Umwelt wahrnahmen!

Diese Wahrnehmung ist hinsichtlich der Verklärung der „guten alten Zeit“ ziemlich entlarvend. Es hat eben immer tiefe soziale Klüfte in der deutschen Gesellschaft gegeben – lange, bevor das Jahresgehalt von Ackermann und Mehdorn in Kontrast zu dem eines Hartz-IV-Empfängers Irritationen auslöste! Denn während auf eine gewisse Oberschicht mit plakativen Modeangeboten und die plakatierte nötige Auswahl der mondänsten Sektmarke gezielt wurde, gerannen aus den sozialen Unterschichten heraus (vorrangig über deren politische Organisationen, die allein sich finanziell in das Plakatschaffen einmischen konnten) die dort formulierten Hassbilder von jener als parasitär empfundenen Schicht in sichtbare, über Plakate transportierte Bilder – was seinerseits konservative Gegenangriffe auf den Plan rief, bei denen mittels des als Massenmediums entdeckten Plakatschaffens der „Sozialneid“ (jetzt wieder in Gebrauch gelangtes Wort aus einer Gesellschaft, in der jede Klasse – pardon: jeder Stand! – am einmal zugewiesenen Platz verortet zu sein hat) angeprangert und dabei gleich noch der „Sozialneider“ als nach Menschenfleisch gierende Bestie gezeichnet wurde.

Durch die Unterteilung des Themas nach zeitlichen Epochen wird verdeutlicht, dass es in der Wahrnehmung des Klassenfeindes durch das ganze Jahrhundert ein Auf und Ab gab: politische und wirtschaftliche Miserezeiten spitzten die Wahrnehmung von Divergenzen zu, ein Anstieg des Lebensniveaus brachte stets harmonischere Sichten hervor – bis zur grundsätzlichen Reflektierung von Feindbildern hinein in andere (als fremd geschmähte) Völker, Rassen, Religionen, Gesellschaftsentwürfe.

Wohl entgegen der Absicht der Ausstellungskonzipienten kommt aber auch zutage, dass das Ideal von solidarischer Harmonie auf der Basis eines von Hunger und Obdachlosigkeit freien Alltags in der Wohlstandgesellschaft der BRD und der sozialistischen Menschengemeinschaft der DDR bei weitem nicht so unterschiedlich daherkam, wie es heute gern erzählt wird – ebensowenig, wie das jeweilige Feindbild…
Dr. Wernicke

Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Hinter dem Zeughaus – 16.7.06, tgl. 10 bis 18 Uhr. Eintritt 4,- € , unter 18 Jahren frei. Begleitheft 60 S. mit 81 Abb., 7.95 €

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