Die 50er und 60er im Wintergarten

Wieder „unterordnet“ der Wintergarten sein Programm einer musikalischen Grundidee. Und wieder mit Bravour.

Waren es in der vorangegangenen Produktion die Weisen Mozarts, so sind es diesmal der Rock´n´Roll, die mitreißenden Klänge der Musik der 50er und 60er Jahre, die allem das Gepräge geben. Für die Artisten bedeut das ein neues Herangehen an ihre Darbietungen, müssen sie sich doch im Tempo und mit ihren Kostümen dieser Vorgabe anpassen. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie das tun. Von der ersten bis zur letzten Minute ein Programm mit Pep, eben „Lollipop“. Alle, vom Hausorchester, das sich den Anforderungen der schmissigen Rock´n´Roll-Musik durchaus gewachsen zeigt, über die Sängerin und Tänzerin Sylvia Wintergrün, die stimmgewaltig und flott quasi durchs Programm führt, bis hin zu jedem einzelnen Artisten, sind mit sichtlicher Begeisterung bei der Sache. Ob das nun der argentinische Jongleur Paul Ponce ist, der mit Bällen, Keulen und Hüten so rasant umgeht, dass das Publikum, zumal das in den vorderen Reihen, schier glaubt, die Utensilien flögen ihnen um die Ohren. Oder das ukrainische Duo Flash, zwei lausbubenhaft wirkende Athleten, die mit Salti, Flic Flacs und humorvollen Purzelbäumen über die Bühne wirbeln. Im Marilyn-Monroe-Look zeigt sich Svetlana Koroteeva, doch was die junge Equilibristin an artistischem Können zeigt, hätte der vergötterte und unvergessene Hollywood-Star wohl doch nicht zu bieten vermocht. Zu den 50er und 60er Jahren gehört natürlich Hula Hoop. Was Igor Boutorine mit diesen Reifen anstellt, ist fantastisch – an Händen, Füßen, am Körper, am Hals lässt er die Ringe kreisen, dabei springend wie ein junges Reh. Graziös, ästhetisch, athletisch – dies sind Attribute, die einem einfallen, wenn man Maryna, Roksana und Yulia bei ihrer riskanten Hand-auf-Hand-Akrobatik beobachtet. Den kürzesten Anreiseweg haben die Farellos, sie kommen aus Berlin. Flott, komisch, artistisch brillant fahren und hüpfen die beiden auf ihren Einrädern treppauf-treppab.
„Wie machen die das nur?“, so hört man es an allen Tischen, wenn Elena und Victor Minasov in Sekundenschnelle Kleider und Kostüme wechseln, sich dabei auch noch als ausgezeichnete Tänzer offerieren. Gegen Ende des Abends erlebt man noch einmal Victor, in einer riesengroßen Blase treibt er allerlei Hallodri, dass beim Publikum kein Auge trocken bleibt. Fast bei jeder Nummer auf der Bühne mit von der Partie – Max Nix und Willi Widder Nix, Komiker der Extraklasse. Unerreicht, wenn sie im Presley-Outfit auf riesigen Alphörnern Rock´on´Roll-Klänge hören lassen. Bei jeder Programmnummer spürt man den Charme des am 20. Mai 1947 in Österreich geborenen Regisseurs und Wintergarten-Eigners Bernhard Paul, der hier zusammen mit Dramaturg Lutz Weber dem Publikum wieder einen vergnüglichen Abend bereitet.
Übrigens, der Wintergarten zollt auch den Fußball-Weltmeisterschaften seinen Tribut. Vom 9. Juni 2006 an hat der „Lollipop“-Besucher“ ab 17.30 Uhr die Möglichkeit, ohne Aufpreis die jeweilige Fußball-Live-Übertragung auf einer Grossbildleinwand im Zuschauerraum zu erleben, bevor sich der Vorhang für die eigentliche Show hebt. Und wer Sorge hat, in der Zwischenzeit „fußballerisch“ etwas verpasst zu haben, für den geht der „Showkick“ weiter, der Wintergarten bleibt auch noch anschließend geöffnet, weil dann eine Aufzeichnung des Abendspiels gezeigt wird. Gerry Michaél

Wintergarten Varieté, Potsdamer Straße 96, 10785 Berlin. Vorstellungen von „Lollipop“ bis 30.Juli 2006, Mo-Fr 20 Uhr, Sa 18. u.22 Uhr, So 18 Uhr. Ticket Hotline 030/25008888.

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