Der Boxhagener Kiez

Der Boxhagener Platz ist seit etwa 90 Jahren Berlin. Vorher gehörte er zum Gutshof Boxhagen und hier "Platz D."

Mit voller Wucht durch die Luft – unteregs in Friedrichshain-Kreuzberg zwischen Seume-, Simplon-, Warschauer- und Boxhagener Straße, unweit der Frankfurter Allee.

Vom blaugrauen Berliner Himmel fällt Nieselregen auf die Straßen. Auch an diesem verregneten Tag (25. Januar  2011) laufen in jeder Richtung Menschen über die Straßen und durchqueren in Tram, Bussen, Pkw und auf Fahrrädern den Kiez. Im  Falafelgeschäft Al Gasali essen Berit Müller und Anja Steffen Falafeln.

Die beiden 30-Jährigen Modedesignerinnen machen gerade Mittagspause und sitzen allein in dem Gastronomiebetrieb. Eine der Designerinnen zog vor einem halben Jahr an den Platz. Sie befürchtet, dass der Kiez zu touristisch werde und weniger authentisch. Noch fühle sie sich wohl. 

Dreadlocks und Cordhosen

Die beiden Frauen leiten seit zwei Jahren das Onlinemodeportal modeopfer110.de.  Die Bekleidungsszene im Kiez finden sie alternativ. Um den Boxhagener Platz sehen sie häufig Dreadlocks und Cordhosen bei den verhältnismäßig vielen jungen BewohnerInnen. Steige man zum Beispiel vergleichsweise im Prenzlauer Berg aus der Tram, sei der durchschnittliche Bekleidungsstil deutlich unterschiedlich.

Große Wohnblöcke mit vierstöckigen, vielfältigen Reihenhäusern und Hinterhöfen prägen die Straßenfront. Vor den öfter mit Graffiti bemalten Hauswänden liegen vereinzelt Möbelstücke. Hunderte Einzelhandelsgeschäfte, besonders viele gastronomische Betriebe, bieten ihre Waren und Dienstleistungen auf den ebenerdigen  Gewerbeflächen. Mehrere handbeschriftete Klingelschilder wirken, als ob die HausbewohnerInnen häufig wechseln würden.

„Der Platz wirkt schön und gemütlich“

Eine junge Frau bläst langsam Zigarettenwolken in die kalte Luft. Sie sitzt mit Kind, Kinderwagen und in Mütze auf dem Boxhagener Platz. Das Kleinkind spielt auf der Sitzbank herum und isst Weingummis. Beide waren gerade beim Zahnarzt. Nicht so schlimm. Die Mutter sagt, sie habe sich gerade gefragt, ob sie hier wohnen möchte: „Der Platz wirkt schön und gemütlich“, sagt sie. Bislang wohnt sie im Bezirk Mitte. Von den laut ihren Infos häufigen Drogenabhängigen auf dem Platz hält sie allerdings nicht viel. Männer und Frauen tragen, schieben und begleiten ihre Kinder über den Platz. Er ist dreieckig angelegt. Die Straßen Grünberger und Krossener Straße sowie Gabriel-Max-Straße grenzen den Platz ein. Uwe Hammerschmid beklebt Porzellantassen mit Berlinaufklebern. In Abständen von einigen Minuten klingelt eine Uhr und er wechselt die Tasse.

Wenn der etwa 40-jährige Berliner aus dem Fenster sieht, liegt der Platz direkt vor ihm. Er bekomme alle Ereignisse mit. Seit zwei Jahren arbeite er hier in der Tourismusbranche. Zu ihm kommen die TouristInnen und EinwohnerInnen, die „nicht in die Stadt fahren wollen“. Dabei bezieht er sich auf den Alexanderplatz. Für den etwa 1,90 Meter großen Berliner sei Berlin nicht besonders groß.

Gemeinsam gegen Gentrifizierung

Politisch betrachtet schätze er die Stimmung im Kiez als eher links ein. Regelmäßig finden in der Nähe Demonstrationen statt. Er sehe sie gelassen und unpolitisch. Auch die Spritis im Kiez, damit meint er Alkoholabhängige, lasse er ihren Weg gehen. Was der Kiez so biete? Im Sommer Familienfeste, eine Liegewiese und alljährlich Wochenendmärkte.

Im Kiez helfe man sich. Um eine ausgefallene Nachtlampe auf der Grünfläche des „Boxi“ wieder zum Leuchten zu bringen, habe er sich zum Beispiel monatelang mit Verwaltungen gestritten. Seine Partnerunternehmen in der Nachbarschaft hätten dagegen zum Beispiel ihn unterstützt, als fremde Firmenketten mit günstigeren Angeboten ihm Konkurrenz machten. Die Unternehmen seien ihm treu geblieben und hätten der Gentrifizierung die Stirn gezeigt.

Boxi in Eis

Özgur Sönmez unterhält sich etwa 100 Meter weiter mit zwei Bekannten. Der 36-Jährige trägt ein Cappie und redet nur vom „Boxi“, wenn er über den Kiez spricht. Die Atmosphäre sei schön, sie sei multikulti. Die Leute seien offen und es sei immer viel los. So zum Beispiel beim jährlichen Rockfestival. Auch kämen im Sommer an den Wochenenden ganze Familien auf den Platz, auf dem sich auch ein Spielplatz befindet. Touristen findet er gut. Eine Tour um den Boxi gehöre nun mal zu einem Berlin-Besuch dazu.

Klaus war Kiez-Ureinwohner. Er stellt sich wie sein neben ihm stehender Freund Dietmar nur mit Vornamen vor. Gut 47 Jahre lange habe er hier gelebt, zwei Jahre Gefängnis ausgenommen. Klaus erinnert sich an die Zeit, als der Platz in der einstigen DDR im Winter unter Wasser gesetzt wurde. In der Platzmitte entstand so eine Eisfläche zum Schlittschuhfahren.

Den größten Baum auf dem Boxi habe er dabei geknutscht. Sein Freund Herbert, Fußballtrainer der Altliga beim SFC Friedrichshain, erklärt das so: „Klaus fuhr als Kind mit voller Wucht gegen den dicken Baum dort drüben.“ Heute wohnt Klaus in Lichtenberg. Dennoch kommt er jeden Tag in den Kiez, da hier seine Erinnerung lebe.

Text und Foto: J. Tust

[map  address=”Boxhagener Straße 33, 10245 Berlin” infowindow=”am Boxi”]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.