Der Rathaus-Kiez in Pankow

Vor der Kirche im Zentrum Alt-Pankows findet seit über einem Jahrhundert dreimal in der Woche ein Markt statt

Der Kiez um das Pankower Rathaus im Nordosten von Berlin reicht vom Fluss Panke über die Berliner Straße und Florastraße bis zur Wollankstraße.

Abonnementverkäufer Anton Mainz* läuft vor dem U-Bahnhof Pankow einer jungen  Frau nach. Der 26-Jährige aus Hennigsdorf trägt weiße Sportschuhe, eine leichte Jacke und kaut Kaugummi. Es ist 13 Uhr (23. März 2011). Ein paar dünne Wolken stehen am blauen Himmel. Er argumentiert für ein Abo und lächelt. Die Frau hält ein Exemplar der Berliner Zeitung fest umschlossen an der Brust und hört zu. Kurze Zeit später geht sie ohne Unterschrift weg. „Der Kiez ist schwierig“, sagt Anton Mainz. Es gebe viele Arbeitslose und ältere Menschen. Seine Zielgruppe seien junge Menschen in Studium und in Arbeit.

Blick zurück

Dieter Pratow* isst auf der Straßenseite gegenüber Hähnchen. Die Sonne scheint auf seine schwarze Jacke. Seine Finger sind von dem Essen fettig. Der 59-Jährige mit dem Spitznamen Prati sitzt auf einem Stein neben dem Bahnhofsdenkmal Garbáty, einem knapp sechs Meter hohen Aluminiumschild zur Ehrung des einstigen Zigarettenfabrikanten Josef Garbáty. Prati habe als Kind in der Mühlenstraße im Kiez gewohnt, erinnert er sich. Heute wohne er in Lichtenberg, komme aber regelmäßig her. Der Bahnhof sei früher ein Rangierbahnhof mit weiteren Gleisen gewesen. Die U-Bahn sei nur bis Vinetastraße gefahren. Auch das Freibad in der Nähe habe es damals noch nicht gegeben. Seit mehreren Jahrzehnten ist er Mitglied im Fußballverein Einheit Pankow. Durch seine künstlichen Gelenke sieht er den jungen SpielerInnen heute lieber zu und geht zu den Stammtischen.

Zwei ältere Frauen kommen vorbei und fragen ihn nach dem Weg. Beide sind gestylt, tragen Ohrringe, die eine hält einen Zettel in der Hand. Die andere eine Leine zu ihrem 14jährigen Pudel. Wo der Friedhof in der Nähe sei, möchte die erste wissen. Prati steht auf und weist sie weiter. Er empfiehlt den 27er, damit meint er die Metrolinie M27.

Suche nach dem Wasser

Um die Ecke in der Berliner Straße steht über mehrere hundert Meter Bauzaun auf der Straße. Die Straße ist aufgerissen. Trink-, Regen- und Abwasserleitungen sollen erneuert werden, erzählen zwei Bauarbeiter. Dazu suchen Bauarbeiter jede Wasserleitung zu  den anliegenden Häusern einzeln und wechseln sie dann aus. Im Moment suchen sie eine Trinkwasserleitung.

Ein Mobilbagger schaufelt sandige Erde nach oben. Verkehr rauscht vorbei. Neben ihnen laufen regelmäßig PassantInnen mit Tüten durch die Geschäftsstraße. Einer der Bauarbeiter ruft laut: „Ho, halt!“ Der Bagger hält in der Bewegung inne. Die Wasserleitung ist gefunden.

„Berlin ist allgemein anonym“

Michel Dessin sitzt auf dem Markt vor dem Rathaus. Der 40-Jährige reinigt gerade einen Currywurstschneider. Da der Imbissverkäufer hier seit langem heiße Würste vertreibe, hätten sich seine KundInnen für ihn mal den Namen Wurstdealer ausgedacht. So heißt jetzt der Imbiss. Seit 15 Jahren verkauft er an den drei Markttagen in der Woche hier heiße Würste. „Berlin ist allgemein anonym“, sagt er.

Ein traditioneller Markt wie der vor dem Rathaus – es gibt ihn seit über einem Jahrhundert – habe seine Vorteile. Viele der MarktbesucherInnen kenne er inzwischen persönlich, sagt er. Wenn einer lange nicht da sei, mache er sich Sorgen. Als er ein Kind war, wohnte seine Großmutter eine Straße weiter. Todesfälle unter seinen StammkundInnen bekomme er mit.

Moppi kommt in der Wollankstraße aus der Berliner Volksbank. Der 20-Jährige aus Königs-Wusterhausen ist auf dem Weg zum Einkaufscenter. Im Gesicht trägt er mehrere Ringe unterschiedlicher Größe. Ihm falle an dem Kiez auf, dass er im Einkaufscenter zum Beispiel deutlich mehr angestarrt werde als im benachbarten Ortsteil Wedding, wo er wohne. Er genieße das Anstarren. Die Stimmung am Rathaus finde er angenehm ruhig.

Vogelspinne in Einkaufszentrum

Im Einkaufszentrum am Rathaus sind in sechs kleinen Häuschen gerade etliche gefährliche Insekten ausgestellt. Spinnen, Skorpione, Krebse. Mehrere Kinder blicken aufmerksam durch Scheiben auf der Suche nach dem jeweiligen Tier. Zwei Meter vor dem Geschäft liegt in einem kleinen Kasten eine Kraushaar-Vogelspinne aus Honduras. Wie der Skorpion einige Kästen weiter liegt die haarige Spinne unbewegt vor der Plexiglasscheibe. Filialleiterin Anette bedient im Geschäft Streetone gegenüber von dem Kasten eine etwa 50-jährige Frau. Vor ihrem Geschäft hängt ein großer Blumenstrauß. Drinnen hängt Damenbekleidung und läuft Popmusik. Wie es sich hier im Kiez lebe? Die Leute seien eher älter und die Stimmung sei gemächlich. Die 36-Jährige legt mit hoher Schnelligkeit zwei Oberteile zusammen, bestimmt den Preis und gibt einer Kundin Wechselgeld. Von den Veranstaltungen bekomme Anette nicht viel mit.

Eine Wurstverkäuferin etwa zehn Meter weiter stimmt dem zu. Was im Kiez so laufe? Keine Ahnung. Sie reicht einem Mann ein Wurstpaket über die Theke. Sie kenne den Weg bis zur Bushaltestelle und mehr nicht. Ihr Leben finde einige Bezirke weiter statt. Hier arbeite sie bloß.

* Namen von der Redaktion geändert

Text und Foto: J. Tust

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