Der Reuter-Kiez in Neukölln

Blick vom Reuter-Kiez über den Landwehrkanal

„Die Leute sollen selbst überlegen.” Der Reuter-Kiez in Neukölln liegt zwischen dem Maybachufer am Landwehrkanal, der Pannierstraße, der Sonnenallee und dem Kottbusser Damm. Die zentrale Straße dieses Quartiers ist die Reuterstraße mit dem Reuterplatz in ihrer Mitte. 

Das Baby schreit. Große braune Augen blicken funkelnd in die Luft. Seine Mutter klackt mit der Zunge, steckt ihm einen Nucki in den Mund. Sie rollt den blau gemusterten Kinderwagen aus dem Fahrstuhl auf den Hermannplatz in Richtung Sonnenallee. Die Sonne scheint an diesem Montag (16. November 2010), vielleicht der letzte milde Herbsttag. Ein orange-weiß-karierter Laster der Müllabfuhr fährt mit sirenenartiger Einparkhilfe an der Ampel rückwärts.

Wie man zum Reuter-Kiez komme? Die junge Mitarbeiterin am Tresen in der Café-Bäckerei Süss antwortet sofort. „Meinen Sie die Reuterstraße? Gehen Sie raus, dann dritte Straße links. Dann bis zum Reuterplatz. Das nennt man dann glaube ich Reuter-Kiez.“ Sie zeigt nach draußen an der Bushaltestelle des M29er mit den vielen wartenden Menschen vorbei. Draußen riecht es nach Abgasen, Hupen tönen.

Die meisten Reihenhäuser tragen Graffiti

In der breiten Reuterstraße stehen auf beiden Seiten Autos. Im Hintergrund rauscht ein Bus vorbei. Fast jedes der Reihenhäuser in der Straße trägt unten Graffiti. Manchmal aufwendig kunstvoll, manchmal einfach. Max Schulz* ist einer von denen, die sie malen. Der 18-jährige Zeitungsausträger steht gerade an einer Ecke eine Straße weiter und lässt Apfelsinenschalen auf den Boden fallen. In der Gegend fühle er sich wohl. Stolz zeigt er auf seinem Handy Fotos seiner selbstgesprayten Fantasy-Graffitis. Leuchtendes Silberspray ermögliche ihm nachts das Anbringen der Bilder. Abends gäbe es viele Partys. Tagsüber werde im Moment viel gebaut, sonst sei es relativ ruhig.

Das findet Ugur Birol nicht. Der etwa 40-jährige Raumausstatter schneidet 200 Meter weiter am Maybachufer Gardinenstoff durch. Um ihn herum sind etliche Stoffrollen gestapelt. Sein Geschäft befindet sich direkt vor der international umworbenen Marktstrecke Maybachufer. Dreimal pro Woche finden hier Märkte statt. Da sei viel los. An Markttagen kämen überwiegend TouristInnen an dem Geschäft vorbei. StammkundInnen kommen gezielt an marktfreien Tagen.

„Plötzlich wurde aus dem Neuköllner Ghetto ein interessanter Kiez“

Andreas Czaja lehnt sich auf einem Holzstuhl zurück vor einem Kaminfeuerofen in der Bürknerstraße. Neben ihm sitzt ein Holzteddybär mit Blick auf das Bild einer nackten Frau neben dem Kamin. Der Mitfünfziger Andreas Czaja führt das „Kauf-Café Bonifazius“. Im Dezember 2003 eröffnete er sein Kauf-Café mit unzähligem „Edeltrödel“. Die Entwicklungen im Kiez verfolgt der studierte Publizist seit Jahren.

Seit der medialen Aufmerksamkeit auf die einstigen Gewaltprobleme in der nahegelegenen Rütlischule habe er einen Umschwung vor Ort miterlebt. „Plötzlich ist aus dem Neuköllner Ghetto ein interessanter Kiez geworden.“ Zunehmend sehe er Mütter mit Kinderwagen. Der Anteil junger AnwohnerInnen betrage gefühlte fünfzig Prozent. Erstmals sei die Gegend wirklich multikulturell geworden. Vorher sei sie besonders bikulturell arabisch-türkisch geprägt gewesen.

In der Mitte des Reuterplatzes befindet sich ein geräumiger Park mit Liegewiese, Spiel- und Sportplatz. Christo Christov, 61, sitzt mit seiner über 80-jährigen Mutter in dem Park auf einer sonnigen Bank. Er mit aufgeknüpftem Hemd, sie mit leichter Wollmütze. Er trennt einen an ihn gerichteten Möbelkaufhaus-Gutschein von einem Anschreiben ab und spricht über Lebensqualität in der Gegend. Hier lebe es sich ähnlich wie in Bulgarien, sagt er. Friedliches multikulturelles Miteinander. Seit zehn Jahren lebt er in Neukölln. Lediglich die Vorschriften zum Müllentsorgen seien hier schärfer. Mit der Bezeichnung Reuter-Kiez kann er wie die Café-Verkäuferin wenig anfangen.

Aufforderung zu mehr Kritik

Handyreparierer Maksut Lorenz*, 54, kann es. Der Verkäufer steht einige Straßen weiter in einem Geschäft mit neuen, gebrauchten und historischen Telefonen. An der Wand lehnt ein Untertage-Telefon aus der ehemaligen DDR. Oben an der Wand hängt ein Bild vom verhüllten Reichstag. Maksut Lorenz lebt seit bald 30 Jahren in Friedrichshain-Kreuzberg. Ein Lötkolben, viele kleine Schubläden und Handy-Ersatzteile stehen im Nebenraum. Die Bezeichnung Reuter-Kiez sei so ein Immobilientrick, findet Maksut Lorenz. Er befürchte, dass „diese ganze Kiezmacherei“ von der Immobilienbranche gesteuert sei. Sogenannte Kieze zögen Neureiche an. Diese akzeptierten höhere Mietpreise und seien in einigen Jahren wahrscheinlich bereits wieder anderswo; seien also wenig positiv für die Gegend. In der Folge würden Alteingesessene durch die gestiegenen Mietpreise verdrängt. „Die Leute sollen selbst überlegen, ob das korrekt ist, wenn sie bei so hohen Preisen mitmachen.“, sagt er.

Der Handyverkäufer steht von seinem Rollstuhl auf und wendet sich seiner nächsten Kundin zu, einer Balletttänzerin. Ihr Handyvertrag in Höhe von 80 Euro ist ihr zu teuer. Sie möchte von ihm Rat, was sie gegen den Hohen Tarif tun kann.

*Name von der Redaktion geändert.

Text und Foto J. Tust

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