Leben am Helmi

Für die Geschwister Fiona und Toan sind die Tischtennisplatten am Helmi die besten

Der Helmholtzkiez befindet sich in Prenzlauerberg. Eingegrenzt wird er von der westlichen Pappelallee, im Norden von der Stargarder Straße, im Osten von der Senefelderstraße und südlich von der Raumerstraße. Im Zentrum des Kiezes liegt der Helmholtzplatz.

Der Boschhammer stemmt gegen die Hauswand. Das dadurch verursachte Geräusch hallt durch die Senefelderstraße. An dem Altbau an der Ecke Raumerstraße

… wird der Putz entfernt. Bald wird auch dieses Haus im Kiez saniert sein. Anwohner Udo Heller* steht etwas 20 Meter weiter vor seiner Haustür. Die Sonne scheint an dem Nachmittag. Der 54-Jährige in sommerlichem Hawaii-Shirt beklagt die Entwicklung des Kiezes. Seit 30 Jahren wohne der Mann mit dem brustlangen weißen Bart hier. Früher sei der Kiez ein Arbeiterviertel gewesen, heute würden hier feine Leute mit Schlips rumlaufen. Die Mieten seien für viele  Alteingesessene so teuer geworden, dass sie das Weite suchten. Er habe zum Glück einen alten Mietvertrag.

Was ihn an Leuten mit Schlips störe? „Hier findet eine Yuppisierung statt“, sagt er. Er erklärt. Der Altbezirk Prenzlauer Berg sei noch heute eine anziehende Marke für Menschen aus ganz Deutschland. Diejenigen mit mehr Geld kämen her. „Früher wurde hier auf der Straße nicht gesessen.“ Heute säßen im Sommer in allen Straßen Leute auf Stühlen vor Gastronomiebetrieben. Manche würden sogar auf der Straße picknicken und grillen. Aufgrund der Nachfrage steige der Mietpreis. Studierende ohne wohlhabende Eltern, viele KünstlerInnen und Bedürftige aus dem Kiez seien durch die Preise vertrieben worden. Das Kiezleben verliere an Halt. Die Stimmung werde anonymer. In einigen Jahren werde die Anziehungskraft wieder kippen, sagt er.

Die Bausubstanz sei einfach gut

Ein Wind weht vereinzelte Blätter durch die Göhrener Straße. Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Das Kind läuft daneben. Amit Das Gupta, 46, sitzt mit einer Tasse vor dem Café an der Ecke zur Raumerstraße. Er liest: „Amparo hat ihren Geist grimmig bewacht und nicht auf ihren Körper geachtet.“ Er hält an und blickt auf von seinem Buch „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco. Der Mann mit den gelockten schwarzen Haare warte gerade auf seine Tochter. Sie sei in dem Haus hinter ihm beim Geigenunterricht. Amit Das Gupta glaubt nicht, dass der Kiez in einigen Jahren weniger begeht wird. Die Bausubstanz sei einfach gut, sagt er. Er wohnt seit sechs Jahren in einem anderen Kiez in Pankow und komme gern her. Dem Mitarbeiter der Jacobs University in Bremen gefalle es, in den Straßen mit den kleinen Buchläden und Café zu flanieren.

 Bürgersprechstunde Polizei

Ein handgroßer grüner Ball mit lächelndem Smiley rollt über das Kopfsteinpflaster an der nördlichen Seite des Helmholtzplatz. Der rechteckige Platz ist etwa so groß wie zwei Fußballfelder. Kinder spielen auf den zwei Spielplätzen. Menschen ruhen sich auf den Parkbänken der großen Grünanlage aus. An der Platzmitte vor dem „Platzhaus“ steht die Polizei. Polizist Werner Schulze* erklärt die Konflikte auf dem Platz und gibt Ratschläge. Es ist Bürgersprechstunde. Einmal im Monat baut die Polizei hier vor dem Nachbarschaftshaus einen Stand auf. Tisch, Schild und Infomaterial liegen vor Werner Schulze. Der Mann in Uniform, mit Namensschild und Kurzhaarschnitt versuche, zu vermitteln.

Er erzählt, dass auf dem Platz verschiedene Gruppen aufeinander treffen würden. Besonders zwischen Familien mit Kindern und AlkoholikerInnen komme es regelmäßig zu Konflikten. Wenn Flaschen in Scherben zersprengen und Kinder laut sind. Die Polizei versuche, zu vermitteln. Es sei wichtig, niemanden einfach zu vertreiben, so Werner Schulze. Sie gehörten alle zum Platz dazu.

Einige Meter weiter sitzt Marko auf einem Stein. Der etwa 40-jährige Mann stellt sich ohne Nachnamen vor. Er sei in der Schliemannstraße aufgewachsen. Irgendwann nach der Wende seien frühere Bäcker, die Wäscherei, der alte Schlecker-Markt  wegen der steigenden Mieten weggezogen. Er auch. Heute wohnt er bei seinem siebenjährigen Sohn in Brandenburg. Marko kommt aber regelmäßig auf den Platz. Noch könne er hier Kumpels treffen und rumschnacken, begründet der Mann und blickt auf die Bierflasche in seiner Hand. Um ihn herum stehen etwa zehn andere alkoholisierte Männer und Frauen.

„Außer Familien und Kindern gibt es hier nüscht“

In der Kneipe an der Ecke Lychener Straße Stargarder Straße hört ein Altanwohner Elvis. Er sitzt mit zwei anderen Männern und einer Frau im Schankraum. „Außer Familien und Kindern gibt es hier nüscht“, kritisiert er. Auch er sehnt dem alten Arbeiterviertel nach, das der Helmholtzkiez einmal war. Das auf dem Platz am kommenden Wochenende das jährliche Musikfest Liederlauschen stattfindet, ist für ihn neu. Bei dem Tauschring im „Platzhaus“ sei er noch nie gewesen. Den Trödelmarkt auf dem Platz an jedem letzten Wochenende habe er vergessen. Den Wochenmarkt möge er nicht. Geschmäcker sind unterschiedlich.

 

* Namen von der Redaktion geändert

Text und Foto J. Tust

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