Bahnhöfe offener als beabsichtigt

Am U-Bahnhof Hansaplatz zieht es

Mehr als drei unterirdische Bahnhöfe öffnen für Obdachlose – gemütlich geht anders! Die handgroßen Knäufe zeigen an den Holzpforten des Bahnhofsgebäudes am Wittenbergplatz gleich nach draußen (13. Dezember). Es ist 01.10 Uhr. Wie an jedem Wochentag schließt der Bahnhof.

Die Wärme bleibt im Bahnhof. Die Kälte bleibt draußen. Obdachlose müssen auch draußen bleiben. Die Temperaturen liegen knapp über 0 Grad. „Die Obdachlosen werden hier ab 1 Uhr immer rausgejagt“, erzählt ein Bauarbeiter drinnen lachend. Er steht auf dem Bahnsteig der U2 und wartet auf seinen Kollegen. Nachts werden auf den Bahnhöfen oft Reparaturarbeiten durchgeführt. Der Mann liest sich weiter durch ein Plakat in einem Schaukasten. Laut Berliner Verkehrsbetriebe öffnen bei kalten Temperaturen immer drei unterirdische Bahnhöfe für Obdachlose: Die U-Bahnhöfe Südstern, Hansaplatz und Schillingstraße. Am U-Bahnhof Südstern zieht es oben. Unten ist die Luft relativ geschützt. Der Platz ist eng.

Hinlegen und nicht hinlegen
Im Bahnhofsgebäude Hansaplatz zieht es durchgehend von draußen. Ein Obdachloser in Charlottenburg-Wilmersdorf beschwert sich darüber: „Das macht die BVG mit Absicht.“ Mit Schlafsäcken hinlegen dürfe man sich nicht. Dabei sei es dort gefährlich kalt.
Der Fernsehturm blinkt hinter dem U-Bahnhof Schillingstraße an drei Maststellen. Der Bahnhof ist hell erleuchtet. Orange ist die dominante Farbe. Kellergeruch liegt in der Luft. Vier Holzfiguren der Justizvollzugsanstalt Oranienburg stehen in einer Gruppe auf dem Bahnsteig. Sonst ist es leer.
Gegen halb vier gehen zwei BVG-Mitarbeiter zu ihrer Morgenschicht. Eine etwa 50-Jährige erklärt, dass bei höheren Minusgraden viele Menschen mit Schlafsäcken hierher kämen. Sie dürften unter Aufsicht auf dem Boden schlafen. Am Ausgang des Bahnhofs leuchten zwei SOS-Notrufsäulen.

Aufrecht
Die S-Bahn verschließt ihre Bahnhöfe in der Regel nicht. Dennoch sind die überwiegend oberirdischen offenen Bahnhöfe zum Schutz vor Kälte kaum geeignet. Man könne einfrieren, wenn man auf dem Bahnhof Südkreuz im Winter ohne Schlafsack einschlafe. Das sagt eine etwa 55-jährige Frau. Die Obdachlose sitzt unter einer Dekorpalme in einer Sitzecke am S-Bahnhof Südkreuz.
Auf dem hektargroßen Bahnhof Südkreuz gibt es zahlreiche Bänke und Platz. Dennoch sind gerade einmal zwei Obdachlose auf dem Bahnhof. Der andere Mensch liegt auf einer Bank und schläft. Es ist windig und kalt. Die Frau rutscht in mehreren Lagen Kleidung hin und her auf der Sitzfläche. Eine Rolltreppe sirrt fortwährend mit hohem lauten Ton. „Hinlegen darf man sich nicht“, sagt sie. Sonst käme ein Beamter und scheuche einen auf.

Wegen Personalmangel seien viele Bahnhöfe offen
Um die Obdachlose herum stehe alles, was sie habe. Sie lebe in ständiger Angst, dass ihr jemand davon etwas wegnehme. Besonders ihren Würfel. Sie hebt eine Decke unter einem Stück blauer Mülltüte auf einer Schubkarre an. Darin sitzt ein schwarz-brauner Welpe namens Würfel. Er sei der Hauptgrund dafür, dass sie in kein Wohnheim gehe. Dort würde sie ihn verlieren. Die Frau hebt das Hundebaby kurz an und lässt es auf den Steinboden pinkeln. Dann wickelt sie es wieder sorgfältig ein. „Die Welt ist voller Banditen. Freunde gibt es nicht“, sagt sie.

Der Bahnmitarbeiter in der Haupthalle läuft zum beheizten Aufsichtshäuschen. Für den schwarz gekleideten Mann mit Ohrring und kurzem Bart ist die Sache klar: Obdachlose gehen lieber in die U-Bahnhöfe. Dort sei es wärmer. Viele seien offen. Die BVG beschäftige zu wenig Personal. Sie könne ihre U-Bahnhöfe nachts nicht wie geplant abschließen. Sobald er auf dem Bahnhof Südkreuz einen obdachlosen Menschen sieht, alarmiere er die Sicherheitskräfte.

Text und Foto J. Tust

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