Unter Bundesbrüdern

Borussia-Mitglied in Tracht

In Berlin und Brandenburg gibt es vier Schüler-Burschenschaften. Wir besuchten eine: Die Tür neben dem Schild „PV Borussia“ öffnet sich. Ich hatte erwartet, gut gekleidete, uniformierte Jungen anzutreffen.Stattdessen steht hinter der Tür in der Schwendener Straße 10 in Steglitz-Zehlendorf ein Student in Boxershorts und Badelatschen. Sein Blick sagt: „Was tust du hier?“ „Auf der Internetseite steht, hier in der Schülerverbindung gäbe es Unterstützung für Jugendliche in der Schule. Ich bin 17 und interessiert.“ „Na, komm doch rein“, sagt Marco L. (33). Interessiert bin ich sehr wohl an dem, was hinter der Tür ist. Eine Jugendliche bin ich nicht mehr. Ich  unterschlage die Information, dass ich in Sachen Zeitung dort bin. Ich befürchte, der Blick hinter die Tür der Burschenschaft würde mir sonst verwehrt.

Marco L. geleitet  ich durch einen Empfangsraum der dreigeschossigen Villa in ein Zimmer im  Erdgeschoss. Das Zimmer ist voll von Wappen, Wimpeln, Trinkkrügen, Säbeln und bunten Trachten. „Möchtest du eine Limonade?“, fragt er. Der angehende Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung setzt sich mir gegenüber auf einen Hocker. Über seiner Lippe prangt ein Schmiss, eine breite vernarbende Wunde.

Zuständige und ExpertInnen sind überrascht

Mit der ausholenden Handgeste wie der eines Rappers im Stakkato-Rhythmus erläutert er mir bei Limonade die Werte der Schüler-Burschenschaft. Die Borussia verstehe sich als Bruderschaft unter Bundesbrüdern. Man wolle sich in der Schule beim Lernen helfen, bei der Arbeitssuche mit Kontakten. Ich fühle mich wie in einem Werbegespräch.

PV Borussia ist eine von vier aktiven Schüler-Burschenschaften in Berlin und Brandenburg. Die anderen heißen „EBSV! Iuvenis Gothia zu Berlin“, „Pennale Burschenschaft Theodor Fontane“ und „Pennälerverbindung Brandenburgia zu Hennigsdorf“. Die jüngsten Schüler sind 15 Jahre alt.

Kathrin Wiencek vom Philologenverband Berlin-Brandenburg empört sich: „Jetzt holen sich die Rechten schon Schüler.“ Von Schüler-Burschenschaften in Berlin habe sie noch nie gehört. Das gleiche gilt für weitere Zuständige und ExpertInnen. Weder Berliner Verfassungsschutz noch die Freie Universität gegenüber von der Schwendener Straße wissen von dem Schülerbund.

Jungs, die sich um Mädchen prügeln

Zurück zum Stakkato-Erzähler Marco L. Er klärt mich darüber auf, dass nur Schüler von Gymnasien der Eintritt in die Verbindung gestattet sei. Schülerinnen würden wegen Zwistgefahr nicht Mitglied werden dürfen. Meint: Wenn Mädchen mitmachen, prügeln sich die Jungs. Allerdings könne ich zum wöchentlichen Kochabend in das Haus kommen. „Bring doch Freunde und Bekannte mit“, fügt er hinzu.

Mittwochabend um 20 Uhr beim Kochabend treffe ich auf Daniel G. (19). Der sportliche Jugendliche steht in der Küche von Haus Coburg. Er hackt Zwiebeln. Seine Augen tränen. Das Verbindungsleben sei wunderbar, sagt er. Daniel G. ist seit drei Jahren dabei.

Geworben wurde er von seinem Vater, einem Studienrat und Lehrbeauftragten an der Freien Universität. Laut Junior feiert die Borussia Grillfeste, Liederabende, Stammtische und ein jährliches Gründungsfest in Uniform. Ihm gefalle, dass die Schüler in der Verbindung das ganze Leben lang Freunde bleiben können.

Gründer: Torsten Witt

Vor dem leeren Schneidebrett sagt er die Satzung der Burschenschaft auswendig auf. Die müsse man kennen, um Mitglied zu werden. Wie die Borussia entstand und was ihre politischen Motive sind, kann er nicht erklären. Auf jeden Fall bleibe man für immer in der Schülerverbindung drin, sagt er und sieht nach der Lasagne. Die  Schüler essen sie an einer Tafel in einem kleinen Saal.

Borussia heißt übersetzt Preußen. Die Schüler-Burschenschaft wurde vor 25 Jahren von Torsten Witt (47, †) initiiert. Sie zählt derzeit 60 Mitglieder, wenn man dem Schüler Daniel G. glaubt. Ihr Gründer Torsten Witt war vor zwölf Jahren Landesvorsitzender der Partei Bund Freier Bürger. Im vergangenen Jahr brachte er sich um.

Preußen als Vorbild

Mehr als die Hälfte der Mitglieder sind inzwischen über 30. Die Eigenbezeichnung Schülerverbindung ist demnach missverständlich. Nur die Neuen sind Schüler. David Baum ist einer von älteren Mitgliedern. Der 34-Jährige nimmt die jungen Mitglieder mit in Ausstellungen. Er ist ihr Ansprechpartner.

Der Chef vom Dienst der Männerzeitschrift GQ und freie Autor in München spricht ungern über seine Mitgliedschaft in der Schüler-Burschenschaft. Gern dagegen schreibt er über Preußen. So im Magazin der Süddeutschen Zeitung: „Im noblen Dahlem tummeln sich in einer Schülerverbindung namens ‚Borussia‘ Gymnasiasten.“, schreibt er. Auf Flugzetteln würden sie großen Preußen wie Bismarck oder Humboldt nacheifern.

Preußen sei in der Schule sein Lieblingsthema gewesen, sagt Fabian P. Dem 23-Jährigen gefielen preußische Tugenden, sagt er. Darunter verstehe er Pflicht, Ehre. Er stockt. Das Wort Rechtschaffenheit fällt ihm noch ein und er drückt es aus dem Mund. Dann springt er zu einem anderen Thema. Stolz berichtet er, dass er die Vortragsabende der Reihe Dahlemer Gespräche mit vorbereitet. Er erzählt von seiner Vorbereitung auf das jährliche Coburger Convent. Bei der Großveranstaltung laufen Burschenschaften mit Fackeln durch die süddeutsche Stadt Coburg. Dabei singen sie das komplette Deutschlandlied.

Fabian P. ist sich nicht bewusst, dass das verboten ist. „Wir stehen zu dem Deutschlandlied“, sagt er. Wer die erste Strophe nicht möge, brauche ja nicht mitsingen. Die erste Strophe des Deutschlandliedes definiert deutsche Grenzen außerhalb des heutigen deutschen Staatsgebiets.

Hier fließt Blut

Fabian P. führt mich durch das Haus. In einem Saal im Erdgeschoss ist der  Parkettboden an mehreren Stellen aufgeraut und zerkratzt. Hier wird gekämpft, bis Blut fließt. Von einem solchen Ort kommt Marco L.s Narbe. Burschenschaftler fechten hier regelmäßig Aufnahmeprüfungen. Gesichtsnarben davon gelten ihnen als ehrenhafte Erkennungszeichen. Mit den Prüfungen bekräftigen sie, sich selbst bei Verletzungen unter die Regeln der Burschenschaft zuordnen. Zum Schluss zieht sich Fabian P. trotz gebrochener Hand vorsichtig seine Burschenschaftler- Uniform an. Er setzt sich in dem Saal mit Säbel, Fahne und Mütze in Pose. Und lächelt in Richtung der hunderten von Porträts verstorbener Burschenschaftler an der Wand.

 

Der Artikel ist eine Langzeitreportage. Sie entstand über etwa ein Jahr zwischen 2010 und 2011 verteilt. Sie bedingte Archivbesuche und ExpertInnengespräche. Den Vereinen Apabiz und Archiv der Jugendkulturen danke ich für die Unterstützung 

Text und Foto J. Tust

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