„Jeder macht seins“ im Kissingenviertel

Hauswand am Rosa-Luxemburg-Gymnasium. „In der Gegend wohnen überwiegend ältere Menschen.", sagt der 74-jährige Lauder Vollbrecht. Mehr Gemeinschaftsgefühl vermisse er nicht.

Einen Kissingenkiez gibt es nicht. Die AnwohnerInnen südöstlich vom S- und U-Bahnhof Pankow sagen Viertel. Kissingenviertel. Die Bundesstraße 109 begrenzt es östlich, Laudaer- und Borkumstraße südlich, westlich die Berliner Straße und im Norden die Granitzstraße.

Olaf Titze schleppt Schrubber, Eimer, Besen und Lappen zu einem Hausaufgang. Eine Kehrschaufel aus der rechten Hand fällt runter.

 

… Der 57-jährige Hauswart mit kariertem Hemd und blauer Latzhose hält an und stellt alles ab. Der Himmel ist bewölkt, die Luft riecht feucht-schwül (11. Juli  2011). „Am schrecklichsten finde ich Treppenputzen.”, sagt er an der Ecke Forchheimer Straße Laudaer Straße.

Mehrere Baugenossenschaften haben in dem Viertel große Wohnblöcke gebaut. Olaf Titze arbeitet seit elf Jahren bei einer von ihnen, bei der Berliner Baugenossenschaft. Zusammen mit zwei Kollegen betreut er zwei Blöcke mit fünfzehn Aufgängen. Sie stammen aus den Zwanziger- und Dreißiger Jahren. Rund 150 Menschen leben hier. Der Hauswart lebt selbst in einem der Blöcke und kennt die BewohnerInnen. Er zeigt mit dem Finger auf eine Wohnung: „Dort wohnt ein Neugeborenes“, er ändert die Richtung seines Arms, „dort wohnt auch eins.“

Sportstadion ohne Eintritt

Auf einem der unausgebauten Dachböden eines Wohnblocks riecht es stickig und nach Holz. Eine Hornisse fliegt gegen das geschlossene Dachfenster. Vom Fenster aus sind ein Teil der katholischen Sankt-Georgs- Kirche, die historische Wohnanlage Zeppelin und das öffentliche Kissingen-Sportstadion mit 8.000 Plätzen sichtbar.

Der Stadien-Name kommt von der bayerischen Stadt Bad Kissingen. Sie sind seit Jahrzehnten Partnerorte. In der Mitte des Kissingenplatzes erinnert ein Gedenkstein mit Wappen und Graffiti an die Verbindung. Auf dem Platz braust ein Feuerwagen über die mittige Fahrbahn. Ein etwa ein Meter großes Mädchen mit Haartuch auf dem Arm ihres Vaters fängt an, zu weinen. Sie hatte nur das eine Ohr gegen seine Schulter gepresst. „Ja, das war so laut.“, wimmert sie. Mittlerweile scheint die Sonne.

Pflastersteine vergangener Schlachten

Lauder Vollbrecht, 74, wohnt seit seiner Geburt im Viertel. „Jeder macht seins.”, sagt er. Gemeinschaftssinn gäbe es wenig. Vereinzelt gäbe es zwar mal ein Hoffest. Zu Jahresbeginn finde regelmäßig ein Pfannkuchenwettlauf statt. Sonst passiere in der Gegen nichts.

In der Nachkriegszeit habe man sich mehr getroffen. Pünktlich um 14 Uhr hätten sich Jugendliche damals in der Nebenstraße zur Straßenschlacht verabredet. Laudaer Straße gegen Wisbyer Straße. Waffen: Pflastersteine als Wurfgeschosse. Verlierer: Wer zuerst weg war. Heute verbringt Lauder Vollbrecht sein Jahr mit dem Bau von kleinen Modellbooten. Sechs Stück hat er mittlerweile aufgebaut. Ohne Ruhe geht das nicht. Der Anwohner und seine Ehefrau schätzen die Ruhe im Viertel.

Liz Glaser, 31, finde das Viertel langweilig. Als sie hier aufwuchs und das  nahegelegene alte Rosa-Luxemburg-Gymnasium besuchte, sei hier nie etwas passiert. Deshalb sei sie weggezogen. In den Ortsteil Prenzlauer Berg, wo viel mehr los sei.

Trotzdem kommt sie immer wieder her. Nach der Arbeit kommt sie regelmäßig zum Joggen ins Stadion. Etwa zehn Menschen tun das gleiche. Andere spielen Fußball auf der Fläche des Sportvereins Fortuna Pankow oder machen Liegestütze. Liz Glaser dreht ihre Runden auf der 400-Meter-Laufbahn. Das ist ihr tägliches Ereignis, das sie im pinken Oberteil und mit Musik feiert.

Text und Bild J. Tust

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