Der Galenuskiez – Auf dem Dorf mitten in Berlin

Der Galenuskiez liegt in Pankows Mitte. Sein Kern ist der Paracelsusplatz. Seine Grenzen bilden die Galenusstraße, Pasewalker Straße, Bleichroderstraße und Mendelstraße. Die Schulklingel läutet. Kein Schüler und keine Schülerin weit und breit. Der Paracelsusplatz wirkt vom roten Backsteingebäude der Evangelischen Grundschule Pankow aus wie ein schmaler Durchgang zu einer anderen Straße.

… Aus der Nähe ist er so groß wie zwei Fußballfelder. Dreigeschossige Häuser mit hohen Dächern, ein Spielplatz, eine geschützte Grünfläche.

Am Vormittag des Pfingstmontag (13. Juni 2011) ist es auf dem Platz ruhig. Nina März* genieße diese Ruhe. „Ich lebe mitten in Berlin, aber merke es nicht.“ Die 39-Jährige mit Zahnspange und Sommersprossen zieht sanft ein Kinderwagenbett hin und her. Darin schläft die etwa halbjährige Lotte in rosa-lila Strampelanzug. In ihrer Wohngegend gefallen ihr die vielen Grünflächen.

Die Mutter wohne seit etwa elf Jahren in dem Kiez. Die Bezeichnung Kiez sei ihr hier noch nie begegnet. Eine Kontaktangst der AnwohnerInnen schon. „Die Berliner sind zwar offen“, sagt sie, „Freundschaften knüpfen mit ihnen finde ich aber schwer.“ Außerhalb von Pankow habe sie bislang nur Mitte und Lichtenberg gesehen.

Über Angebote für Familien in Pankow fühle sie sich schlecht informiert. Sie müsse ständig hinterher sein, um Informationen zum Aufziehen ihrer zwei Kinder zu bekommen.

Geflickte Straßen

Gaby Fink und Wolfgang Schulz* laufen an einem Auto ohne Deck mit DDR-Wappen in der Würtzstraße vorbei. Sie mit Rucksack. Er mit rotem T-Shirt. Die 54-Jährige ist im Krankenhaus Maria Heimsuchung in der Nähe geboren. Sie sieht entspannt aus. Am liebsten gehe sie hier von Park zu Park. Auf dem Paracelsusplatz würden sich immer die Hundebesitzer treffen. Sie hat keinen Hund.

Sie zieht ihre Augenbrauen zusammen. An dem Platz werde fast gar nix gemacht. In der Straße seien unzählige Löcher. Sie würden immer nur wieder geflickt, anstatt dass der Straßenbelag mal erneuert würde. Die beiden gehen zum Bahnhof Pankow-Heinersdorf.

Dieter Knust, 71, unterhält sich auf dem Paracelsusplatz mit zwei Seniorinnen. An seiner Hand führt er Rauhaardackel Boggi. Der große Mann trägt einen Strohhut, Bart und beige-grüne Kleidung aus festem Stoff. Er ist Rentner und Stadtjäger. Sein Dackel ist ein ausgebildetes Jagdtier. Dieter Knust verabschiedet die Frauen und setzt sich auf eine schattige Bank.

200 Meter weiter in der Paracelsusstraße sei er geboren. Er zeigt mit der Hand auf ein weißes Haus aus den 1930ern. Er kenne hier jede Ecke, jeden Gärtner und die Geschichte von jedem Baum. Er zeigt auf eine freie Fläche in der Grünanlage. Da habe mal ein riesiger Baum gestanden. Dann sei im Zweiten Weltkrieg eine Bombe dort eingeschlagen. Nicht getroffen habe sie den riesigen Lazarettbunker, der immer noch verschlossen unter der Evangelischen Schule dahinrotte.

Gefährliche Wildschweine schießen

Ein kräftiger Mops rennt Boggi hinterher. Die zwei beschnüffeln sich. Dieter Knust habe in seiner Berufszeit für das Kinderfernsehen der DDR produziert. Als Schauspieler sei er selbst am Berliner Ensemble aufgetreten. Heute jage er ehrenamtlich Wildschweine in Berlin. Wenn sie für Menschen gefährlich werden könnten, erschießt er sie. Gabriele Meier lehnt sich in offenherziger schwarzer Spitzenbluse aus dem Fenster in der Achtermannstraße.*

Sie beobachtet den Paracelsusplatz. Ihr Dobermann neben ihr auch. Der Frau missfalle am Kiez, dass Jugendliche im Winter vor dem Bahnhof rumhängen würden. Im Sommer seien sie weg. Vielleicht gingen sie ins Schwimmbad. Ein Jugendclub oder andere Angebote für Jugendliche seien nötig. Um etwas zu erleben, müssten sie sonst immer erst in die Stadt reinfahren.

Wenn man dem Wirt vom Restaurant Lindengarten am Paracelsusplatz glaubt, wandelt sich die Nachbarschaft. Es zögen zunehmend junge Familien in die sanierten Häuser her. Der 53-Jährige betreibt sein Restaurant seit 14 Jahren. Vorher habe es hier zwei Bäckereien gegeben, die pleite gingen. Zwei Gäste sättigen sich gerade. Sie loben das Restaurant und ebenso den Kiez. Er sei dörflich schön. Als sie den Namen Dieter Knust hören, klingelt es bei ihnen. Das sei doch der engagierte Mann mit dem Kampfdackel.

 * Namen von der Redaktion geändert

Text & Foto: J. Tust

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