Zur Zierde wie zum Nutzen.

Es gibt sie doch noch – die Fee, die plötzlich vor einem steht und uns eröffnet, dass man einen Wunsch frei habe: die heutige Stiftung Stadtmusem Berlin kontaktierte Mitte der neunziger Jahre ein privater Sammler, dessen Interesse bürgerliches Haushaltporzellan Berliner Herkunft galt.

Er hatte dem Kustos der musealen Porzellansammlung Andeutungen gemacht, dass er beabsichtige, die in seinem Domizil in Berlin-Schlachtensee aufgehäuften Ergebnisse seiner Sammlerarbeit dem Berliner Stadtmuseum zu vermachen: Albrecht Schütze, Urberliner, geb. 1937, seit den sechziger Jahren als Richter im Berliner Justizdienst tätig und wenig interessiert an großem Auftritt in der Öffentlichkeit und rauschender Publizität hinsichtlich seiner Sammlerschätze. Er starb 2001 und überraschte die Stiftung Stadtmuseum bei der Testamentseröffnung damit, dass diese zum Erben seiner privaten Sammlung bestimmt wurde. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der Sammlung um rd. 1000 Exponate handelte, die in Schützes kleinem Einfamilienhaus inmitten biedermeierlichen Mobiliars alle Räume füllten – ergänzt durch einen vom Sammler akribisch erarbeiteten Katalog, der die Schätze wissenschaftlich klassifizierte. Schon ein erster Blick in den Katalog zeigte, dass der Sammler alle drei in Berlin tätigen Porzellan fertigenden Werkstätten vorzuweisen hatte; die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM), die Manufaktur Schumann und die Gesundheitsgeschirrmanufaktur der KPM. Qualität wie Quantität des aus Märkischen Museum und Berlin-Museum stammenden Bestands an Berliner Porzellan im Fundus der Stiftung machten damit einen regelrechten “Sprung nach vorn”.
Eine testamentarische Klausel besagte allerdings, dass die Stiftung Stadtmuseum innerhalb eines Jahres nach Erhalt der Sachzeugen diese in einer Ausstellung und einem gedruckten Katalog der Öffentlichkeit zugänglich zu machen habe.Zur Zierde wie zum Nutzen.
Dem kommt die Stiftung nun nach: vom 1. August bis 12. Oktober zeigt sie im Ephraim-Palais eine reiche Auswahl aus der Sammlung Schütze unter dem Titel “Zur Zierde wie zum Nutzen des Hauses”; damit spielt sie auf die von KPM wie von der Fa. Schumann in steter Konkurrenz umworbene Zielgruppe dieser speziellen Art von Porzellan an: das in Berlin des 19. Jahrhunderts, an Zahl wie an sozialem Gewicht zunehmende Bürgertum.  Mit den hunderten nun vorhandenen Vergleichsobjekten relativiert sich der bis dato übliche hochmütige Blick auf den “Kitsch” der 2. Hälfte des 19. Jhs, doch erheblich: das Bürgertum war eben jener gesellschaftliche Stand, der die bei Hofe und im Adel anzutreffende Kluft zwischen Repräsentation und Gebrauchswert durch seinen steten Blick auf die Nützlichkeit überwand – jedoch ohne dabei alle ästhetischen Maßstäbe abzulegen. Wer sich z.B. an süperben Beispielen von “Sammeltassen” – die sich als Begriff wie als Haushalts-Kultgegenstand bekanntlich bis weit in das 20. Jh. hinein erhalten haben – erfreuen will, für den ist der Besuch der Ausstellung geradezu ein muss. Auch das hervorragend illustrierte Beiheft bereitet ästhetisches Vergnügen. Günstig gestaltet sich für den Porzellan-interessierten Berliner, dass nach langer Rekonstruktionszeit nun seit Juni d. J. im “Belvedere” des Charlottenburger Schlossparks die KPM-Sammlung des Landes Berlin wieder gezeigt wird – sie prunkt mit porzellinen Objekten höfisch-adliger Tafelkultur und dekorativen Raumschmuchs. Bei der schon traditionellen “Langen Nacht der Museen” diesmal am 30. August) lässt sich ein Besuch beider Komplexe mühelos miteinander verbinden. An diesem Tag werden von 19 bis 20 Uhr im Ephraim-Palais die Porzellan-Kuratoren der Stiftung Stadtmuseum von Besuchern vorgewiesenes Porzellan begutachten (nicht bewerten!) – eine Dienstleistung, die dann bis zum 7. Oktober jeweils dienstags von 14 bis 16 Uhr fortgesetzt wird. An dieser Gefälligkeit gegenüber den Besuchern beteiligt sich bezüglich künstlerischem Steingut auch immer ein Vertreter des “Keramik-Museums Berlin”, das in der Etage über der Schütze-Ausstellung seine Neuerwerbungen der letzten drei Jahre vorstellt.         K. Wernicke
Museum Ephraim-Palais, Nikolaiviertel, Poststraße 16. Öffnungszeiten tgl. ( außer Mo.) 10 bis 19 Uhr, mittwochs Eintritt frei. Schulklassen nach Anmeldung ( Tel.: 24002-0; Fax: 24002 187) an allen Tagen Eintritt frei.

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