„Vor die Tür gesetzt…”

Die Idee, die Lebenswege von 35 vorgestellten Personen auf Austellungelementen darzubieten, die in der Form von Stühlen gestaltet sind, und so dem Titel der Ausstellung eine adäquate äußere Erscheinungsform zu verschaffen, kann man getrost als pfiffig bezeichnen:bei den 35 Persönlichkeiten, die man in dieser neuen Ausstellung an historischem Ort näher kennen lernt, handelt es sich nämlich um im Nationalsozialismus verfolgte Stadtverordnete und Magistratsmitglieder (so der Untertitel der Ausstellung), die als demokratisch gewählte Volksvertreter aus ihrer Wirkungsstätte Rotes Rathaus in Missachtung des Wählervotums verjagt wurden, um dann schikaniert, außer Landes getrieben und in einigen Fällen gar hingemordet zu werden.

Der Regierende Bürgermeister und der Präsident des Abgeordnetenhauses eröffneten mit ihren Ansprachen auf einem Festakt des Senats im Roten Rathaus am 30. September eine Ausstellung, die ihr Entstehen der Initiative des 1983 gegründeten Vereins AKTIVES MUSEUM verdankt, der mit der Abfolge einiger ABM-Projekte dem Vorhaben etliche Jahre des Forschens, Sichtens und Gestaltens widmen konnte. Die 35 vorgestellten Persönlichkeiten stellen allerdings nur eine kleine Auswahl aus jenen 389 Stadtverordneten und gewählten Amtsträgern des Magistrats dar, die in der Weimarer Republik auf gesamtstädtischer Ebene gewirkt hatten und im NS-Regime gemaßregelt, schikaniert, außer Landes getrieben oder gar hingemordet wurden. Schon gleich nach der Niederlage der Nazis in den letzten halbwegs freien Kommunalwahlen am 12. März 1933 (in Berlin fuhr die NSDAP nur 38,2 Prozent der Stimmen ein!) forderte die Wut der Frustrierten ihre Opfer: erst die KPD-, dann die SPD-Vertreter wurden ihrer Mandate beraubt, dann wurden die Fraktionen der bürgerlichen Parteien – unter “Beurlaubung” ihrer weiblichen Mitglieder – in die nur 83 Mitglieder zählende Nazi-Fraktion inkorporiert; schließlich wurden die Stadtverordneten, nach der Sommerpause 1933 schon nicht mehr zusammen gerufen, 1934 durch 45 von Goebbels handverlesene “Ratsherren” ersetzt.
Ein repräsentativer Querschnitt durch  a l l e   Verfolgte aus den über 1000 Mandatsträgern gesamt-Berliner kommunaler Selbstverwaltung während der Weimarer Republik verbot sich für die Erabeiter der Ausstellung allerdings dadurch, dass die Relation zwischen Vertretern der Linken und der bürgerlichen Mitte und Rechten allzusehr zu den Linken ausschlagen würde – kein Wunder, denn die Berliner Stadtverordnetenversammlung hatte zwischen 1919 und 1932 stets ein zahlenmäßiges Übergewicht der (allerdings zutiefst zerstrittenen) Linken gesehen: die Rechercheure fanden heraus, dass aus den bürgerlichen Fraktionen 53 Verteter unter NS-Verfolgung zu leiden hatten, aus denen der Arbeiterparteien jedoch 336. Und da das “Aktive Museum” dereinst angetreten war, der Rolle der Frauen in der Berliner Geschichte mehr Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sind unter den 35 Ausgewählten relativ viele Frauen zu finden.
Die Ausstellung ist bis Jahresende im Foyer des Roten Rathauses zu besichtigen. Im nächsten Jahr wandert sie in das des Berliner Abgeordnetenhauses. Dann wird zu ihr auch ein Katalog vorliegen, der alle Biografien enthalten wird. Geplant ist, für die ermordeten Stadtverordneten und Magistratsmitglieder vor ihren einstigen Wohnadressen die schon bekannten “Stolpersteine” einzubringen.                   Dr. Wernicke

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.