Prekäre Erinnerung: 1945 und seine deutsche Verarbeitung

Des 60. Jahrestags von April/Mai 1945 wird auch in vielen Teilen Berlins gedacht – oft durch Ausstellungen. Bei aller Anerkennung des guten Willens von deren Gestaltern leiden diese doch fast alle unter einem Nachteil: sie bieten weniger Anschauungs- als vielmehr Lese-Stoff.Das Deutsche Historische Museum wartet dagegen mit der Ausstellung “Der Krieg und seine Folgen” mit einem Gegenstück auf: auf ca. 800 m² präsentiert es dort etwa 500 museale Exponate, und textlich begnügt es sich im wesentlichen mit Einführungen zu den einzelnen Themenräumen. Der Besucher wird stark mit emotional wirkenden Sachzeugen aus der Endzeit des Krieges und der Nachkriegszeit konfrontiert, die bei älteren Lesern Erinnerungen an die eigene damalige Lebenswelt wecken. Dabei mischen sich im Rückblick Wehmut und Freude, denn das Bedauern über das durch die Umstände Zugemutete ergänzt sich mit der Zufriedenheit, zu jenen zu gehören, die davongekommen sind und (selbst angesichts aller heutigen Querelen) zu jenen zu zählen, die sich und andere aus dem Gemenge von Blut, Tränen, Ängsten und Hoffnungen des Jahres 1945 herausgewunden und in ein neues friedvolles und (zumeist doch) erfülltes Leben hinein gefunden haben, das keineswegs für immer von jenem trockenen Brot begleitet war, das lebenslang zu essen man sich doch geschworen hatte, wenn nur der Wahnsinn des Krieges erst vorbei sei…
Wer für alle Leiden der Deutschen die Schuld trägt, macht die Ausstellung ganz klar: der deutsche Angriffskrieg! Damit befassten sich die Betroffenen, die hungrig in den Ruinen ihrer zerstörten Städte hausten oder auf den Landstraßen irrten, natürlich nur in den wenigsten Fällen: Schuld wird ohnehin gern verdrängt – weitaus wohler fühlt man sich als Opfer. Die Schau zeichnet dann auch nach, wie der notwendige Streit um das ganz persönliche eigene Versagen, nachdem er ohnehin in der ersten Nachkriegszeit an der Masse der Bevölkerung vorbei gegangen war, im “Kalten Krieg” zugunsten der Integration in das eigene Ost- oder West-Lager hintan gestellt wurde und auf beiden Seiten zu einer Erinnerungspolitik führte, die auf Verdrängung aus war. Wer allerdings sehr genau hinsieht und sich nicht vor der eigenen Erinnerungen schämt, kann doch konstatieren, dass die DDR deutlicher formulierte, was da im Namen des deutschen Volkes abgelaufen war: das Gewäsch vom “verordneten Antifaschismus” findet sich dann auch nicht in der Ausstellung!
Diese leistet sich außerdem eine kritische Sicht auf die 40-jährige Bonner Weigerung, die harten Fakten von 1945 in ihrer Konsequenz anerkennen zu wollen; der offizielle Betrug an den Wählern in der BRD und einer beträchtlichen Zahl gläubiger Zuhörer in der DDR wird zwar nur auf dem Umweg der Würdigung von Willy Brandts Ostpolitik reflektiert – aber immerhin kommt er vor. Nicht vorkommen tun hingegen die immer noch erscheinenden “Landser”- und verwandten Hefte, mit denen aus billigem Geschäftsinteresse eine Erinnerungskultur gepflegt wird, in der ehrenhafte deutsche Soldaten Woche für Woche den Zweiten Weltkrieg noch immer gewinnen – wenn auch stets nur an einem winzigen Frontabschnitt.                Dr. Wernicke

1945 – der Krieg und seine Folgen. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2 (Pei-Bau): bis 28.8.05 tgl. 10 – 18 Uhr, Eintritt 2 s; Jgdl. unter 18 und immer montags frei. Katalog 260 S., 18 s. Begleitmaterial f. Lehrer u. Schüler, 64 S., 8 s

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