Morgens im Gleimkiez

Das Gleimviertel liegt zwischen der westlich liegenden Swinemünder Straße, der S-Bahn-Trasse an der Kopenhagener Straße im Norden, der östlichen Schönhauser Allee und dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Süden. Das Reptil hängt mit offenem Maul in der Luft. Es ist ein buntes Pappmaché-Krokodil im Mensaraum der Heinrich-Seidel-Grundschule.

… Gespräche gibt es hier um 7 Uhr 26 rund zwei Meter und 12 Meter weiter vor dem Fenster auf der Höhe 1 Meter 20. Eine Gruppe GrundschülerInnen unterhält sich zerknautscht über eintreffende SchülerInnen auf dem recht-eckigen, Laub-Platz vor der Schule. Die Sonne scheint bei milden Temperaturen an hellblauem Himmel. Zwei Kinder gratulieren einer Lehrerin nachträglich zum Geburtstag. Die Lehrerin lächelt, nickt und überwacht weiter den Schuleingang. Vor dem Eingang hängt ein Hinweis auf die nächstgelegene Polizeidienststelle.

Eine Straßenecke weiter laufen Leute auf die Brücke über der S-Bahn-Trasse am Gesundbrunnen-Center. Handwerker in Autos rattern über das Kopfsteinpflaster. „Sanitär, Heizung, Installation.“ Wusch. Weg. Ein Fahrradfahrer mit Helm und Kopfhörern wartet an der Ampel Swinemünder Straße Ecke Rügener Straße. Grün. Treten und treten. In der breiten Gleimstraße stehen fünfstöckige Neubauten mit straßenseitigen Balkonen. Die Autos parken quer.

Berliner Meister vor der Parkuhr
Nach einer Unterführung heißt die Straße Gaudystraße. Vor einem Parkautomat wollen die amtierenden Berliner Meister im Standardtanz der S-Klasse, Martin Schmiel und Sophie Hertel, ein Parkticket für einen Tag ziehen. Geht nicht. Ihr Trainer nimmt als Kompromiss ein 5-Stunden-Ticket. So verdienen die Berliner Ordnungshüter also ihr Geld mit Strafzetteln, ärgert er sich. Die drei gehen zur Max-Schmeling-Halle trainieren. Am Wochenende finden deutsche Meisterschaften statt.
Einige hundert Meter weiter liegt der Mauerpark. Hier befand sich bis vor 21 Jahren Grenzgebiet. Eine Plastiktafel erzählt das. Ein Streifen aus Pflastersteinen durch den Park tut das auch. Die riesige grüne Rasenfläche ist leer. Fünf Reinigungsmitarbeiter sammeln am Falkplatz daneben Müll mit Greifzangen auf. Sie sagen, dass im Mauerpark am Wochenende oft Karaoke stattfindet. Mit bis zu 2.000 Menschen. Die Leute benutzen die Mülleimer mit großem Volumen unter der Erde aber einfach nicht, so ein Mitarbeiter.

Im Viertel ist vieles groß    
Vor der Max-Schmeling-Halle am Falkplatz 1 sitzt eine Krähe auf einer etwa zehn Meter hohen Stange mit Scheinwerfer. Auf einem großen Müllcontainer mit Biomüll und einem Einkaufswagen ist das Wort Pankow im Schriftzug „Bezirksamt Pankow“ durchgestrichen. Jemand schrieb dafür „Prenzlauer Berg!!!“ hin.
Ein 28-jähriger joggt am Stadion neben dem Mauerpark vorbei. Blaue Hose, hellblau gestreiftes T-Shirt, blonder Kurzhaarschnitt. Er hält an und dehnt seinen linken Oberschenkel. Bis auf das Problem mit dem Müll im Park fallen dem Anwohner keine Probleme im Kiez ein. Das sei bei bis zu 10.000 Menschen, die hier schon mal herkommen sowieso nicht lösbar. Am Kiez gefalle ihm die verkehrstechnische Zentralität. S-Bahn und U-Bahn seien gut erreichbar.

Große Verspätung
Ein 22-Jähriger aus Schöneberg kommt zu spät. Er joggt mit seinem Turnbeutel und Rucksack durch den Park. Sein Sportunterricht in der Max-Schmeling-Halle habe schon begonnen. Er macht eine schulische Ausbildung zum Softwareunternehmer. Bei einem besseren Notendurchschnitt als 2,6, würden die AbgängerInnen dabei automatisch bei Siemens oder Sony eingestellt. Er finde die Gegend schön. Viele Menschen würden Sport treiben. Alles wirke ruhig und gesund. Er war erst drei bis vier Mal hier.
In einer Konditorei am östlichen Ende des Viertels in der Schönhauser Allee steht um kurz vor zehn Uhr der 68-jährige Gregor Schulz*. Er trinkt einen Kaffee und isst ein Stück Dekortorte. Draußen fährt die U2 über die Hochgleise in der Straßenmitte. Der Berufskraftfahrer liefert Mehl an Bäckereibetriebe. Zur Konditorei kommt er seit Jahrzehnten. In ihr stehen verzierte Torten, abgepackte Plätzchenpackungen und selbstgebackene Brötchen in den mit Glas überdeckten Auslagen. In der DDR lieferte der gelernte Melker in dem Viertel Mehl an die vielen Bäckereien. Heute gäbe es dafür sehr viel mehr Cafés. Das Viertel sei schon früher eine Wohngegend gewesen. Früher habe es aber mehr kleine Geschäfte in der Schönhauser Allee gegeben, sagt er und schluckt in dem kleinen Geschäft einen Biss Süßes runter.

* Name von der Redaktion geändert
Text und Foto J. Tust
 
[map  address=”Schwedter Straße 82, 10437 Berlin” infowindow=” Mauerpark Berlin”]

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