BVG: Kuschel-Frust in U- und S-Bahn

Foto: BVG / Oliver Lang
Die neuen U-Bahn Icke fährt am 2.September 2015 in Berlin. Foto: BVG / Oliver Lang

Herbst und Winter sind Kuschelzeit. Leider erfährt der Berliner das genau dort, wo er sich am wenigsten gerne an anderen Menschen reibt: In Bus und Bahn! Aber warum sind U- und S-Bahn immer so voll und werden jedes Jahr voller? Die kurze Version der Antwort lautet: Immer mehr Menschen nutzen zu wenige und veraltete, teils störanfällige Züge. Hinzu kommen Fahrermangel und ebenfalls sanierungsbedürftige Strecken. Ehe wir die Hauptursachen im Detail betrachten, sollen hier noch zwei wichtige, aber nicht immer bekannte Fakten genannt werden. Erstens: Sowohl für die Leistungen der BVG als auch der S-Bahn gilt das „Bestellerprinzip“. Zweitens: BVG und S-Bahn sind zwei voneinander unabhängige Unternehmen.
 
Das „Bestellerprinzip“ ist wichtig, weil es maßgeblich dran „schuld“ ist, wie oft die jeweilige Bahn oder der jeweilige Bus an einer Station hält. Die beiden Berliner Nahverkehrsunternehmen erbringen ihre Leistungen – also die Fahrten – nämlich nicht, wie das ein firmeninterner Super-Planungs-Experte am liebsten hätte. Sondern so wie die Stadt Berlin diese Fahrten bestellt. Denn: Berlin muss auch für die bestellten Leistungen zahlen. (Wer denkt, der Ticketpreis würde die Öffis finanzieren, irrt gewaltig. Man will gar nicht wissen, wie viel ein Fahrschein kosten würde, wenn wir damit tatsächlich den ÖPNV finanzieren müssten …) Und weil Berlin bekanntlich immer noch eher arm und nur noch vielleicht sexy ist, ist auch nicht so viel Geld für dichtere Bahn-Takte da wie anderswo. Zum Vergleich: In Wien fahren die meisten U-Bahn-Linien zur Stoßzeit im Zwei- bis Drei-Minuten-Takt. 

Icke U-Bahn Berlin
Vorstellung der neuen U-Bahnwagen “Icke” am 3. Februar 2015. Foto: Oliver Lang

Neue S-Bahnen stehen frühestens 2023 zur Verfügung 

Aber zurück in unsere schöne Stadt und zu Punkt zwei: Dass BVG und S-Bahn zwei Unternehmen sind, ist schon alleine deshalb wichtig, damit man bei Bahn-Kuschel-Frust wenigstens auf die „richtige“ Firma schimpft. Generell, das weiß jeder Berliner, ist der Gesamtfrust derzeit bei Nutzern der S-Bahn größer. Das liegt daran, dass deren alte Züge im Winter eher regelmäßig ausfallen als fahren. Zuletzt hat Berlin das sogar finanziell sanktioniert. Wegen nicht erbrachter Leistungen im Jahr 2017 erhielt die Bahntochter um knapp 22 Millionen Euro weniger, als eigentlich veranschlagt. Die Strafgelder, so heißt es, sollen in neue S-Bahn-Garnituren investiert werden. Bis die endlich, endlich über den Ring und die restlichen S-Bahn-Gleise rollen, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Läuft alles nach Plan, sollen die neuen Züge 2023 da sein. Bis dahin müssen die alten Dinger noch ran. S-Bahn-Chef Peter Buchner hat erst kürzlich die umfassenden Sanierungsarbeiten an den alten Wagen präsentiert, unter dem Namen „Projekt Langlebigkeit“. 
 
Etwas greifbarer ist die neue Wagenflotte hingegen schon bei der BVG: Wer öfter die U2 nutzt, steigt seit dem Frühjahr mitunter schon in einen Wagen der neuen Reihe „Icke“. Erkennbar ist die Neue an den extrem nach außen gewölbten Seitenwänden und weniger Sitzplätzen – beides soll mehr Platz im Wageninneren schaffen. Immerhin ein erster Schritt gegen unseren Kuschel-Frust. Bis 2019 sollen insgesamt 27 der neuen Vier-Wagen-Züge im Netz der U-Bahn rollen.

BVG Icke U-Bahn Berlin
Neue Icke-Wagons im Einsatz. Bildrechte: ©BVG / Oliver Lang

Diese Jahr 15 Millionen mehr Fahrgäste bei der BVG 

Dass auch Personalmangel schuld an der Knackevoll-Misere ist – Stichwort ausfallende Fahrten – will man so seitens der Verkehrsbetriebe nicht zugeben. Wer aufmerksam durch Berlin läuft, hat es aber sicherlich schon bemerkt: Teils großflächig buhlt die BVG mit Plakaten um neue Mitarbeiter. Ganz oft auf den Werbeplakaten zu sehen: Frauen, die sich freuen, dass sie eine Tram lenken „dürfen”. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Straßenbahn in Berlin in den kommenden Jahren jenes öffentliche Verkehrsmittel sein dürfte, das am meisten ausgebaut wird. Grund dafür: Straßenbahnstrecken lassen sich viel schneller und viel billiger bauen als U-Bahnen. Wer vergessen hat, wie lange und mühsam so ein U-Bahn-Bau ist, darf gerne mal nachdenken, wie lange man schon an der superkurzen Verlängerung der U5 (Alex bis Hauptbahnhof) baut. Der Baustart des jetzigen Lückenschlusses zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz datiert im Jahr 2010, Vorarbeiten begannen schon 2009. Und natürlich kostet das Ganze auch schon vor Ende mehr als es sollte. Aus den veranschlagten 433 Millionen Euro wurde schon mehr als eine halbe Milliarde.
 
Doch zurück zum Thema – und zur noch offenen Frage: Fahren denn wirklich immer mehr Menschen mit der Bahn oder nur so von unserem persönlichen Feeling her? Die Antwort ist ein klares Ja: Ja, in Berlin drängeln sich  immer mehr Passagiere zu neuen Fahrgastrekorden. Die BVG rechnet dieses Jahr mit mehr als 1,080 Milliarden Fahrten – um 15 Millionen Fahrten mehr als im Vorjahr 2017. Auch bei der S-Bahn verzeichnet man seit Jahren immer mehr Fahrgäste … Tja, Menschen sind nunmal mobiler und flexibler als ÖPNV-Planer und die Politik! Heißt es also: Durchhalten beziehungsweise durchkuscheln, bis die neuen Züge endlich kommen.
 
Kleine Erleichterungen versprechen BVG und S-Bahn allerdings schon viel früher – nämlich zum kommenden Fahrplanwechsel im Dezember. Auf zwei Tram- und 13 Buslinien soll es bessere Intervalle geben. Außerdem hat man kürzlich 200 neue Doppeldecker-Busse bestellt. Die S-Bahn stellt Verbesserungen vor allem auf der Stadtbahn in Aussicht: Ab Dezember geht die Viergleisigkeit zwischen Ostbahnhof und Ostkreuz in Betrieb, das soll zusätzliche Fahrten und kürzere Reisezeiten ermöglichen. Außerdem geplant: die Verlängerung der S75. Sie soll dann zur Hauptverkehrszeit im 10-Minutentakt zwischen Wartenberg und Ostbahnhof fahren. Anastasia Schmierer

Bildrechte: BVG / Andreas Lang

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