Hauptstadt der Renaissance: Tobias Roths spannender Reisebegleiter nach Florenz

Florenz bei Nacht

Was  haben die Berliner Museumsinsel und das Florenz der Medici gemeinsam? Zumindest derzeit sehr viel. Der Autor und Renaissance-Kenner Tobias Roth war im Januar im Bode-Museum, wo er die Tore zur Hauptstadt der Renaissance öffnete.

Sein literarischer Stadtführer Welt der Renaissance: Florenz (2024 bei Galiani erschienen) ist dabei weit mehr als ein Reiseleiter: Er ist ein Schatzgräber, der gänzlich unbekannte Texte, betörende Gedichte und „eindeutig zweideutige“ Karnevalslieder neu übersetzt und ans Licht geholt hat. Dabei porträtiert er Florenz als Stadt voller Grandezza und Gewalt, Chaos und Schönheit.

Bei der Veranstaltung im Bode-Museum führte Tobias Roth in dieses Biotop ein, stellt den Dichter Angelo Poliziano und seine Schilderung der Pazzi-Verschwörung vor (Poliziano war Augenzeuge, als der 25-jährige Giuliano de’ Medici während der Messe im Florentiner Dom mit 19 Messerstichen ermordet wird) und las aus seiner Übersetzung des „Kleinen Berichts“. All das inmitten der Ausstellung und ihrer Exponate – so entsteht ein Zusammenspiel von Literatur und Kunst, wie es für die Medici und die ganze Renaissance typisch ist.

Die Pazzi-Verschwörung, Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance, im Bode-Museum ist noch bis 20. September 2026 zu sehen. Das Buch ist für jeden Kunstliebhaber eine tolle Bereicherung.

Literarischer Reiseführer „Welt der Renaissance: Florenz“

Keine Stadt ist so verbunden mit der Blütezeit der Renaissance wie Florenz. Tobias Roth hebt in Deutschland gänzlich unbekannte literarische Schätze und portraitiert die Hauptstadt der Renaissance aus den Augen seiner wichtigsten Zeitgenossen. Gedichte von betörender Schönheit, turbulente Tagebucheinträge, kaltschnäuzige Traktate, beeindruckende Briefwechsel und eindeutig zweideutige Karnevalslieder charakterisieren Florenz mit all seinen kulturellen und politischen Turbulenzen.

Tobias Roth hat die Texte des Bandes mit unvergleichlicher Expertise aufgespürt, neu übersetzt und mit kenntnisreichen wie humorvollen Zwischentexten versehen. Die Stadt am Arno sagt sich zum Anfang des 11. Jahrhunderts vom Heiligen Römischen Reich los und tritt mit anderen toskanischen Städten in Konkurrenz, immer wieder auch mit kriegerischen Mitteln. Bald kann Florenz zu europäischer Geltung gelangen, übertrumpft Städte wie Venedig, Genua und Pisa. Zu seinem sagenhaften Reichtum gelangt Florenz durch Textilhandel und Kreditgeschäfte. Die Goldmünze der Stadt, der Florin, ist in ganz Europa zu finden, schließlich agieren auch die Großbanken der Bardi, Mozzi, Pazzi und Peruzzi europaweit mit angeschlossenem Import-Export-Geschäft.

Das viele Geld will ausgegeben werden und so ist die Hauptstadt der Renaissance in den Jahrzehnten um 1300 erstmal eine einzige Großbaustelle: es entstehen drei neue Brücken über den Arno, der gigantische dritte Mauerring der Stadt und vor allem der neue Dom Santa Maria del Fiore, der 140 Jahre lang zu einer der größten Kirchen Europas anwachsen wird. Mit dem unaufhaltsamen Aufstieg zu Macht und Geltung treten auch neue Familien auf den Platz, deren Namen noch heute das Stadtbild prägen: Rucellai, Strozzi und Medici.

Doch bevor Florenz sich endgültig als Hauptstadt der Renaissance etablieren kann, kommt der tiefe Fall. Zu viele Kredite und Kriege haben erst eine Banken- und Wirtschaftskrise zur Folge, wenig später wird die Stadt von der Pest heimgesucht. Die Folgen sind gravierend, von den 400.000 Florentinern überlebt kaum die Hälfte und auch in den kommenden Jahrzehnten kehrt der Schwarze Tod immer wieder nach Florenz zurück. Gleichwohl schaffen die Krisen der Stadt auch die Rahmenhandlung für eine der bedeutendsten Erzählungen der europäischen Literatur. Giovanni Boccaccios Decamerone ist nicht nur die bis heute berühmteste literarische Darstellung der Pest, sie belebt auch das gebeutelte Geistesleben in Florenz neu.

Mit Weggefährten wie dem Universalgelehrten Francesco Petrarca erweckt Boccaccio die neue alte Literatur der Antike zu neuem Leben. Und auch Architektur, Kunst und Wissenschaft schulen sich an der Antike, um in der Gegenwart neu zu wirken. Tobias Roth erschließt mit diesen Texten die beeindruckenden literarischen und kulturellen Zirkel, die Florenz zu der Hauptstadt der Renaissance machen.

Nicht wegzudenken aus der Stadt am Arno sind die Medici. Dabei ist ihr Aufstieg mehr als unerwartet. Viel zu jung ist die Familie und kurz nach den Umwälzungen der Pest ist sie zudem in einen Aufstand der Textilarbeiterinnen und –arbeiter verstrickt, der sie für Führungspositionen disqualifiziert. Doch nachdem der Bankier Salvestro de‘ Medici dafür aus der Stadt gejagt wird, macht sich die Familie an den erneuten Aufstieg und setzt dabei auf den richtigen Kleriker, der den Clan mit der Führung der vatikanischen Konten beauftragt.

Bald gewähren die Medici dem Papst Kredite (samt Servicegebühren) und steigern klug ihren kulturellen wie politischen Einfluss. Vor Intrigen, Chaos und immer neuen Staatsstreichen ist die Familie freilich nicht gefeit, doch Strategen wie Cosimo de‘ Medici prägen die Kunst des stillen und manipuliert legalen Staatsstreiches immer wieder zu ihren Gunsten. Cosimo setzt sein Geld nicht nur für politische Machtspiele ein, er ist auch für seine Großzügigkeit bekannt, lässt Kirchen und Klöster bauen, nicht nur in Florenz, sondern auch in Paris und Jerusalem. Nicht zuletzt umgibt er sich mit den führenden Humanisten der Zeit und setzt sich für Bücher und Bibliotheken ein – eine unschätzbare Ressource für die Renaissance.

Kunst und Wissenschaft florieren am Arno und selbst das höchste Staatsamt ist von 1375 bis 1458 fast durchgängig mit exzellenten Literaten besetzt. Leonardo Bruni stellt ein Bildungsprogramm für Frauen auf, das man schon fast als gefährlich einstufen dürfte. Battista Malatesta gehört zu den ersten Frauen, die im Zentrum des Hofes stehen. Während ihr Mann den wenig schmeichelhaften Beinamen der Unfähige erhält, dichtet sie in italienischer und lateinischer Sprache und wird von ihren Zeitgenossen lebenslang geschätzt.

Doch Tobias Roth erkundet Florenz nicht nur in seiner künstlerischen und literarischen Größe, sondern entdeckt auch die Großstadt voller Grandezza und Gewalt, Chaos und Schönheit. Im Tagebuch des Gewürzhändlers Luca Landucci etwa findet sich ein Einblick in den rauen und rastlosen Alltag der Stadt. Die Geistesgrößen der Zeit interessieren ihn hingegen wenig. Dafür beobachtet er in seinem Laden an der Piazza de‘ Tornaquinci wütende Kirchenschändungen, allerhand Gerüchte und Intrigen und das ausgelassene Bauen von Schneeskulpturen – ein einmaliger Livebericht von der Straße.

Immer wieder greifen die Medici in die Geschicke der Stadt ein. Als Lorenzo de‘ Medici, ein Enkel Cosimos, auf die Florentiner Bühne tritt, kann er sich längst als Fürst und nicht mehr als bloßer  Bankier präsentieren. Bereits zu Lebzeiten trägt er den Beinamen der Prächtige, so unvergleichlich ist seine Rolle als Förderer der Künste, der Literatur und des Sportes. So entdecken die Medici früh, dass sie sich die Popularität des calcio, einer Mischung aus Fußball und Rugby, zu eigen machen können und etablieren ihn als Teil des Karnevals, bis sogar der Papst eigene Spiele im Vatikan abhalten lässt.

Nicht zuletzt aber ist Lorenzo Begründer einer gar nicht staatstragenden literarischen Gattung, der typisch florentinischen Karnevalsgesänge canti carnascialeschi. Den Beispielen dieses Genres und all seinen unerwarteten Doppeldeutigkeiten (Obst und Gemüse erhalten etwa unerwartet komplexe Vieldeutigkeiten, die es zu dechiffrieren gilt) widmet Roth sich in dieser Anthologie mit ansteckendem Enthusiasmus.

Nicht umsonst trägt Lorenzo noch einen weiteren Titel. Historiker und Politiker der Zeit nennen ihn auch den heiteren Tyrannen, un tiranno piacevole. Immer wieder werden Mordkomplotte gegen Lorenzo geplant und vereitelt. Entscheidend für seinen Machterhalt ist sein enger Vertrauter Angelo Poliziano. Der Dichter erzieht nicht nur die Lorenzos Söhne, er macht auch vor
Propaganda im Sinne der Medici nicht Halt – etwa über die Verschwörung der Familie Pazzi, deren Staatsstreich nur knapp scheitert. Doch Poliziano verkörpert auch wie kein anderer die Literatur dieser Zeit. Er verfasst das erste weltliche Theaterstück in italienischer Sprache und er schreibt Gedichte von beeindruckender, teils experimenteller Schönheit.

Verlosung

Die Berliner Lokalnachrichten verlosen 3 Exemplare. Zur Teilnahme geben Sie bitte im Textfeld das Stichwort „Florenz“ an. Damit das Textfeld angezeigt wird, müssen Sie angemeldet sein. Eine Teilnahme per E-Mail ist nicht möglich. Einsendeschluss ist der 20. Februar 2026.

Rechtsweg und Auszahlung sind ausgeschlossen. Die Teilnehmer müssen volljährig sein. Die Teilnehmerdaten werden ausschließlich für die Durchführung der Verlosung verwendet. Bildrechte: liliy2025 via Pixabay

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