Jesu Passionsweg in Piktogrammen

Wer noch bis zum 30. April mit der U-Bahn-Linie 6 fährt, wird auf den Bahnhöfen Friedrichstraße, Französische Straße, Stadtmitte und Kochstraße zwischen den üblichen der Werbung gewidmeten Lichtkästen solche entdecken, die durch eine holzschnittartige künstlerische Gestaltung aus dem Rahmen fallen.

Auf drei Bahnhöfen in drei, auf dem Bahnhof Friedrichstraße in fünf fachmännisch „City-Light-Vitrinen“ genannten Schaukästen wird dort in einer Gemeinschaftsaktion des Künstlers Bernd Zimmer (Jg. 1948), der Stiftung Stadtmuseum Berlin und der VVR BEREK Verkehrsreklame ein Projekt verwirklicht, wieder einmal Kunst in den öffentlichen Raum zu stellen: sehr großformatige (173×116 cm) farbige Original-Holzschnitte auf Buchleinen präsentieren die Versenkung des in Oberbayern lebenden Malers und Grafikers in die christliche Tradition der Nachempfindung von 14 Stationen jenes Leidensweges, den Jesus Christus am Tage seiner Hinrichtung durchzustehen hatte. Die zeitgenössischen Quellen über den Vorgang, die aus den Evangelien zu erschließen sind, kennen allerdings nur acht Stationen – die übrigen sechs stammen aus der legendenhaften Ausschmückung des Lebens Jesu durch die christliche Kirche oder aus der erfindungsreichen Volksfrömmigkeit.
In eine derart weltlich – und wenn schon religiös, dann jedenfalls multireligiös – geprägte Metropole wie Berlin das in regionaler Volksfrömmigkeit verankerte Brauchtum des alljährlichen vor-österlichen Nachempfindens von Christi Passionsweg in einem nur flüchtig passierten öffentlichen Raum (wenn auch nur zeitweilig) mit modernen Piktogrammen einpflanzen zu wollen, zeugt von einer gehörigen Portion Optimismus hinsichtlich Stärke und Überzeugungskraft der Botschaft. Die kryptische Verschlüsselung, die in der Konzentration auf die vier U-Bahnhöfe zwischen Checkpoint Charlie und „Tränenpalast“ liegen soll, dürfte unter den heutigen Benutzern der U 6 auch nur jenen verständlich sein, die die „Mauerzeit“ bewusst erlebt und verinnerlicht haben. Das ist zu bedauern. Denn Bernd Zimmer erklärte bei der Enthüllung des ersten Holzschnittes am Vormittag des 28. März auf der Station Kochstraße sein Anliegen, sich als religiöser Mensch mit dem Aufgreifen des Themas von der Symbolik des Kreuzweges her dem menschlichen Leiden generell zuzuwenden, das leider überall gegenwärtig sei: als das gesellschaftlicher Gruppen ebenso wie als individuelles Leid. Dass diesem Anliegen in der zerteilten Manier der Präsentation auf mehreren U-Bahnhöfen ein gut Teil Wirkung verloren geht, will offensichtlich der Künstler ebensowenig wie die Stiftung Stadtmuseum leugnen: der gesamte Zyklus von 14 Holzschnitten ist ungeteilt im Museum Nikolaikirche (Nikolaikirchplatz) in originaler Zweitausführung und ohne die permanente Störung durch U-Bahn-Vollzüge zu besichtigen! Dr. Wernicke

Bernd Zimmer: 14 Stationen des Kreuzwegs. Ausstellung auf vier U-Bahnhöfen, etappenweise Eröffnung (1 Motiv pro Tag) bis 11.4. Ausstellung im Museum Nikolaikirche (Nikolaiviertel), 29.3.-30.4.06; Di., Do.-So. 10-18 Uhr, Mi. 12-20 Uhr, Mo. geschl. Eintritt frei

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