Gedanken zur Ausstellung „DDR- Kunst“ in der Berliner Nationalgalerie

Gedanken

Wie das Nachwende-Deutschland mit DDR-Kunst umgeht, daran scheiden sich vom ersten Tag der Wiedervereinigung an die guten wie die bösen Geister. Es gab, vor allem in Berlin und den Neuen Ländern, inzwischen Ausstellungen, die, aufs Ganze gesehen, bei Publikum und Kritik zu kontroversen Reaktionen führten.
Unrühmliche Höhepunkte einer von Realitätsverleugnung und Delegitimierungssucht geprägten Haltung altbundesdeutscher Ausstellungsmacher und Verhinderer: 1999 in Weimar. “Aufstieg und Fall der Moderne”, im Kern diffamierend und zu Recht vorzeitig beendet. Sowie 2000 in Nürnberg. “Personalausstellung anlässlich des 80. Geburtstages von Willi Sitte”. Sie war langfristig geplant. Wurde aber unter für den ostdeutschen Kunstanspruch im Allgemeinen und den Maler im Besonderen entwürdigenden Umständen mit fadenscheiniger Begründung vorher abgesagt.
Nun war und ist man natürlich gespannt, welches Diskussionsangebot die mit der Nationalgalerie (Ost) seit Jahren verbundenen Kuratoren Roland März und Eugen Blume machen würden. In zwanzig Räumen, sinnfällig, aber nur bedingt historisch-thematisch gegliedert, erfreuen sich fast 400 Gemälde, Skulpturen, Collagen, Zeichnungen, Fotografien und Filme von 145 Künstlerinnen eines starken Publikumsinteresses. Auch das deutsche Feuilleton würdigt wohlwollend die kontrastreiche Vorführung, die wohlweislich nicht “Kunst der DDR” genannt worden war.
Und genau da liegt das Problem. Waren die nun schon fast legendären DDR-Kunstausstellungen von den Werken des sozialistischen Realismus geprägt, die heute, mitunter abwertend, als Staats- und Auftragskunst bezeichnet werden, so zeigt die März/Blume-Retrospektive auch etwas davon gänzlich Verschiedenes. Es sind jene Werke, die in der verblichenen Republik – aus gutem oder schlechtem Grunde – überhaupt nicht oder nur inoffiziell gezeigt wurden: Böttcher (Strawalde), Penk, Ebersbach, Altenbourg, Schröder und andere. Manche ihrer Werke können als Verweis gelten auf die eher düstergraue Kehrseite einer aber hin und wieder glänzenden Medaille. Was wäre gegen den staatsoffiziellen, ideologischen Anspruch einzuwenden, auch mittels Kunst den neuen Menschen und seine bessere Gesellschaft zu
formen und uns ein Bild davon sichtbar zu machen? Sichtbar werden in der Ausstellung mit Regionen verbundene, im Titel beziehungsvolle Künstlergruppen: Das “Blaue Wunder” Dresden, Berlin – “Schwarze Melancholie”, Leipziger Schule. Gezeigt werden – gar keine Frage – Werke von Grundig, Kretzschmar, Nagel und Mohr, von Cremer, Stötzer und Grzimek, von Tübke, Mattheuer, Heisig, Rink und Stelzmann. Alles integere Namen von internationalem Rang. Selbst der umstrittene Sitte ist vertreten. Allerdings nicht mit seinem farbenprächtigen, an Rubens erinnernden nackten Menschenbild sozialistischer Prägung. Dafür mit Werken aus den 50ziger Jahren, in denen es um historische Niederlagen geht. Womaka fehlt. Und das, obwohl sein “Paar am Strand” in ungezählter Auflage die DDR zwischen Rügen und Rhön schmückte und noch heute in manchem Wohnzimmer hängt. Der Besucher kommt ins Grübeln. Den Machern, hört und liest er, sei es um das Beste aus der DDR gegangen, nicht um “ideologisch gefärbte, formal schwache Massenkunst”. Es werde eben nur “echte Kunst” gezeigt. Von der “echten Kunst” ist manches zu sehen. Trotzdem provoziert eine solche Auswahl-Haltung Fragen: Kunst um der Kunst Willen? Ohne gesellschaftlichen Bezug? Frei von jeglichem Impuls an den einfachen Zeitgenossen? Auch oder gerade wenn dieser schlicht im Gemüt und eindimensional im Kunstempfinden war? Was mittels Kunstwerk Freizeit geprägt, Genussfähigkeit und Urteilsvermögen breiter Volksschichten entwickelt hat soll es nun auf einmal nicht (mehr) gegeben haben?
Diese undifferenzierte und zugleich elitäre Haltung gegenüber dem, was im Rückblick – oft auch unscharf – als “Sozialistischer Realismus” bezeichnet wird, scheint mir, vor allem wegen des damit verbundenen Gedächtnisverlustes, ein konzeptioneller Mangel dieser ansonsten beachtlichen Retrospektive. Sie ist doch, wie auch die “Bilderstreit-Tagung” Anfang August auf Schloss Hardenberg sichtbar machte, ein guter Schritt in die richtige Richtung. Die übrigens bald zu einer deutsch-deutsche “Vergleichsausstellung” führen sollte, wie sie nicht nur Wolfgang Mattheuer fordert: umfassend, anspruchsvoll, vor allem aber vorurteilsfrei. Die Ausstellung hat bis 29. Oktober geöffnet.
Rudolf Hempel

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