Chamäleons letztes Aufgebot?

Ich hoffe, nein, ich flehe, dass dem nicht so sein möge; denn es wäre jammerschade, wenn diese einmalige Bühne mit ihrem ganz eigenen Flair aus der Berliner Kulturwelt verschwände.

In einer Zeit, da so manchem das Wasser bis zum Halse steht und viele den Euro lieber zweimal in ihrer Geldbörse umdrehen, ehe sie ihn ausgeben, kam auch das unnachahmliche Chamäleon Varieté in finanzielle Nöte, zwangen es, die ursprünglich angesagte Premiere zu ändern. So entstand ein neues Programm unter dem bezeichnenden Titel “PERPETUUM VARIETÉ”. Schließlich ist das Chamäleon ja ein Unternehmen, das sich selbst bewegen muß, ohne jegliche staatliche Unterstützung, nur angewiesen auf die eigene Kraft, auf Eintrittsgelder und auf Sponsoren.
Zur Premiere hatte man den Eindruck, dass vor allem Fans gekommen waren, die den Akteuren den Rücken stärken und sagen wollten: Macht weiter, nicht aufgeben, wir brauchen euch! Und was da im neuen Programm geboten wurde, war wieder echte Chamäleon-Kost. Kein Wunder, bürgte doch das Chamäleon-Urgestein Harald “Hacki” Ginda mit seinem Namen für Qualität und Tempo. Der Vollblutartist zog wieder alle Register seines clownesken und artistischen Könnens, verführte von der ersten Minute an das Publikum zu wahren Lachstürmen. Er öffnete, wie im Programm-Untertitel gesagt, “eine artistisch-komödiantische Wundertüte”, der ein Dutzend hervorragender Varieté-Künstler entstiegen, aber beileibe keine Dutzendware. Susie Cute mit rasanten Bewegungen am Vertikalseil, Meike Silja Rupprecht. am Trapez verkörpern eine junge hoffnungsvolle Künstlergeneration. In der Jonglage von Jochen Schell bilden Ringe wundersame Figuren im Raum. Ganz anders geht Tigris mit Ringen um; der einzige deutsche männliche Artist, der sich dem Hula Hoop verschrieben hat. Ob auf einer Hand oder auf einem Bein stehend, die Reifen wirbeln nur so um seinen Körper. Doris Arsenopoulou assistiert dem Routinier Hacki mit gut gespielter Naivität bei der Ansage. Haben Sie schon einmal einen echten Schwertschlucker erlebt? Ehrlich gesagt, ich noch nicht. Aber bei der urkomischen Pantomime von Klaus Loch vermeint man, wirklich einen Schwertschlucker zu erleben. Sammy Tavalis, auch einer der Getreuen des Chamäleons, attackiert das Zwerchfell der Zuschauer. Ob bei seiner Gesangsparodie, ob bei seiner “brasilianischen” Solonummer oder beim Gitarrenspiel mit winzigen Fingerpüppchen – das Publikum jubelt. Voll auf die einzelnen Darbietungen abgestimmt die eigenen Kompositionen des Walhalla-Orchesters, unterstützt auch von den Bastard Brothers aus San Francisco.
Alles in allem wieder ein Programm, das ich – der lange, herzliche Beifall des Premierenpublikums gibt mir da wohl recht – nur wärmstens empfehlen kann. Hohes artistisches Können, Slapsticks zum Totlachen, manchmal ein bisschen schräg, mitunter nahe der Gürtellinie, eben Chamäleon Varieté, wie es leibt und lebt. Und hoffentlich noch lange lebt!
Gerry Michaél
Chamäleon Varieté, Rosenthaler Straße 40/41 (Hackesche Höfe), 10871 Berlin. “PERPETUUM VARIETÉ” steht noch bis Ende August auf dem Programm. Vorstellungen Mi-Sa 20.30 Uhr, So 19 Uhr. Telef. Kartenbestellungen unter 030/2827118 und über die Articket-Hotline 030/23099333.

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