
Nach fast einem Vierteljahrhundert als Sprecher der christlichen Kinderstiftung „Die Arche“ zieht Wolfgang Büscher ein persönliches Fazit seiner Arbeit. Die Organisation, die in Berlin begann und inzwischen rund 40 Einrichtungen in ganz Deutschland betreibt, hat in dieser Zeit Zehntausende Kinder und Jugendliche begleitet – zunächst vor allem aus sozial benachteiligten deutschen Familien, später zunehmend auch aus Flüchtlingsfamilien aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Libanon und den palästinensischen Gebieten.
Büscher, Journalist und seit Langem eng mit dem Gründer Bernd Siggelkow verbunden, beschreibt in seinem Statement, was er in der täglichen Arbeit erlebt hat: Armut und Vernachlässigung auf der einen Seite, aber auch tief sitzende Vorurteile und offenen Judenhass bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Er kritisiert die Folgen der Migrationspolitik nach 2015 und das Versprechen „Wir schaffen das“ und äußert zugleich Sorge vor den laufenden Koalitionsgesprächen in Berlin.
Nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026, bei der Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft wurde, verhandeln SPD und Grüne mit ihr über eine gemeinsame Regierung. Büscher sieht darin das Risiko, dass klare Haltungen gegen Antisemitismus parteipolitischen Erwägungen geopfert werden könnten.
Das Statement erscheint als Gastbeitrag. Es gibt die persönliche Sicht eines langjährigen Praktikers der Berliner Sozialarbeit wieder.
Fazit von Arche-Sprecher Wolfgang Büscher nach 25 Jahren Sozialarbeit. „Wir schaffen das“ – eines der folgenschwersten Versprechen unserer Geschichte.
Ich hätte vor einigen Jahren nicht gedacht, dass wir in Deutschland noch einmal eine solche Diskussion führen müssen. Dass jüdische Menschen Angst haben, sich in der Öffentlichkeit als Juden zu erkennen zu geben. Dass auf unseren Straßen wieder Judenhass herausgebrüllt wird. Und dass demokratische Parteien darüber streiten, wie eindeutig man sich eigentlich gegen Antisemitismus positionieren muss.
Was ist bloß aus diesem Land geworden?
Seit fast einem Vierteljahrhundert bin ich Sprecher der Arche. Fast 25 Jahre, in denen mir Tausende Kinder und Jugendliche begegnet sind. In Berlin, Frankfurt, München, Köln, Düsseldorf und vielen anderen Städten. Rund 120.000 Kinder und Jugendliche haben in dieser Zeit unsere rund 40 deutschen Archen besucht. Wir haben Kinder erlebt, die kaum etwas hatten. Die vernachlässigt wurden, denen niemand zuhörte, die schon früh erfahren mussten, wie ungerecht das Leben sein kann.
Wir haben versucht, ihr Leben zu verändern. Haben ihre Stärken gesucht und gefördert, sie behandelt wie kleine Königinnen und Könige. Viele haben es geschafft. Sie haben eine Ausbildung gemacht, einen Beruf gefunden und führen heute ein selbstbestimmtes Leben. Darauf bin ich stolz.
Als ich Bernd Siggelkow, den Gründer der Arche, kennenlernte, gab es eine einzige Einrichtung in Berlin-Hellersdorf. Rund 100 Kinder kamen dorthin, überwiegend mit deutschen Wurzeln. Bernd Siggelkow bat mich, die Medien auf die Armut und Vernachlässigung dieser Kinder aufmerksam zu machen. Denn kaum jemand wollte damals wahrhaben, dass es mitten in Deutschland Kinder gab, die nicht einmal regelmäßig eine warme Mahlzeit bekamen.
Das hat sich geändert. Die Armut ist geblieben, aber die Arche ist gewachsen. Und dann kam 2015.
Ich sage es ganz offen: Dieses Jahr hat unsere Arbeit und unser Land verändert. Immer mehr Kinder mit Wurzeln in Syrien, Afghanistan, im Irak, im Libanon und in den palästinensischen Gebieten kamen zu uns. Heute besuchen nach unseren Angaben täglich rund 6.000 Kinder aus diesen Herkunftsländern unsere Einrichtungen.
Viele dieser Kinder kamen aus einer anderen Welt. Der Sprung von der Burka bis zum Bikini war und ist für viele gewaltig. Da treffen unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben aufeinander. Von der Rolle der Frau, von Religion, von Freiheit. Und leider auch Vorstellungen darüber, wer angeblich Freund und wer Feind ist.
Ich habe in unserer Arbeit viel erlebt. Aber was mich bis heute erschreckt, ist der Hass auf Israel und auf jüdische Menschen, der uns bei einem Teil dieser Kinder und Jugendlichen begegnet. Ich rede hier nicht von Kritik an einer israelischen Regierung. Ich rede von Judenhass. Von Vorurteilen, die Kinder schon mitbringen, bevor sie überhaupt verstehen können, worüber sie sprechen.
Natürlich gilt das nicht für alle. Das wäre ungerecht und falsch. Aber es gibt diese Einstellungen. Wir erleben sie. Und wir müssen darüber reden dürfen.
Was mich besonders beunruhigt: Nach meiner Beobachtung hat der durch Zuwanderung verstärkte Antisemitismus auch dazu beigetragen, dass sich Menschen am linken und am äußersten rechten Rand wieder trauen, ihren Hass auf Juden und Israel ganz offen auszusprechen. Ja, ihn herauszubrüllen.
Antisemitismus ist in Teilen unserer Gesellschaft wieder salonfähig geworden.
Ich empfinde das als eine Schande für unser Land.
Und wer soll dagegenhalten? Natürlich die Schulen, die Jugendarbeit, die Familien. Auch wir in der Arche. Wir sollen Kinder auffangen, ihnen unsere Werte vermitteln, ihnen erklären, warum Frauen und Männer gleichberechtigt sind, warum Religion Privatsache ist und warum jüdische Menschen selbstverständlich zu Deutschland gehören.
Aber wir können nicht alles reparieren, was die Politik versäumt hat. Ich denke dabei immer wieder an Angela Merkel und ihren Satz aus dem Jahr 2015: „Wir schaffen das.“ Nein, Frau Merkel, so haben wir es nicht geschafft.
Ich halte diesen Satz bis heute für eines der folgenschwersten politischen Versprechen der vergangenen Jahrzehnte. Er war schnell ausgesprochen. Aber wer hat damals wirklich darüber nachgedacht, welche gesellschaftlichen, sozialen und finanziellen Verpflichtungen daraus entstehen würden? Wer sollte die Integration leisten? Wer sollte die Konflikte lösen?
Wir privaten Einrichtungen jedenfalls können nicht alle Probleme dieser Welt auffangen. Wir erleben täglich, was es bedeutet, wenn Integration nicht gelingt. Und wenn wir öffentlich darüber sprechen, werden wir dafür auch noch kritisiert.
Dabei müsste es doch selbstverständlich sein, dass Menschen, die in Deutschland leben wollen, unsere demokratische Rechtsordnung anerkennen. Dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Dass Religion nicht über dem Grundgesetz steht. Und dass jüdische Menschen hier ohne Angst leben können.
Wer stattdessen von einer islamistischen Gesellschaft träumt, wer unsere freiheitliche Ordnung ablehnt oder Juden hasst, dem muss unsere Gesellschaft unmissverständlich widersprechen.
Und nun schaue ich auf Berlin. Die Linkspartei ist bei der Abgeordnetenhauswahl im September 2026 mit 25,7 Prozent stärkste Kraft geworden. SPD und Grüne wollen mit ihr über eine gemeinsame Regierung verhandeln. Ausgerechnet in einer Stadt, die wie keine andere in Deutschland für die Verbrechen des Nationalsozialismus steht.
Ich habe große Sorge vor einer solchen Koalition. Nicht wegen sozialpolitischer Forderungen der Linken. Sondern wegen ihres Umgangs mit antisemitischen Positionen in den eigenen Reihen. Was sich während der Sondierungsgespräche abgespielt hat, spricht für sich. Zunächst verständigten sich SPD, Grüne und Linke auf gemeinsame Grundsätze gegen Antisemitismus. Dann verabschiedete die Linksfraktion eine davon abweichende Erklärung. Wesentliche Punkte der vorherigen Verständigung fehlten plötzlich. SPD und Grüne unterbrachen die Gespräche.
Man muss sich das einmal vorstellen. Drei Parteien wollen gemeinsam die deutsche Hauptstadt regieren, können sich aber nicht verlässlich darauf verständigen, wie sie mit Antisemitismus umgehen wollen. Und trotzdem wird weiterverhandelt.
Was ist eine politische Zusage eigentlich noch wert? Wie sollen jüdische Familien Vertrauen in eine Regierung haben, wenn schon vor ihrer Bildung solche Konflikte auftreten?
Berlin trägt eine besondere Verantwortung. Von hier aus wurde die systematische Ermordung der europäischen Juden organisiert. Dass jüdisches Leben heute wieder zu unserer Stadt gehört, ist alles andere als selbstverständlich. Und deshalb erwarte ich von demokratischen Parteien eine klare Haltung. Ohne Ausreden und ohne parteipolitische Rechenspiele.
Wir sprechen seit Jahren über die Brandmauer gegen rechts. Das ist richtig. Aber warum soll es keine ebenso klare Brandmauer gegen linken Antisemitismus geben? Judenhass wird nicht dadurch harmloser, dass er von Menschen kommt, die sich selbst für besonders fortschrittlich halten. Und er wird auch nicht dadurch entschuldbar, dass er sich hinter Solidarität mit Palästina versteckt.
Wer jüdische Menschen bedroht, wer Gewalt gegen sie rechtfertigt oder ihnen das Recht auf ein Leben in Sicherheit abspricht, hat eine Grenze überschritten. Ganz gleich, aus welchem politischen oder religiösen Lager er kommt. Ich frage mich, welchen Preis SPD und Grüne für eine Regierungsmehrheit zu zahlen bereit sind. Ist ihnen die Macht wichtiger als eine eindeutige Haltung gegen Antisemitismus?
Vielleicht sollte mancher Politiker einmal einen Tag mit uns in der Arche verbringen. Mit den Kindern sprechen, ihre Geschichten hören, ihre Konflikte erleben. Dann würde er vielleicht besser verstehen, wie schwierig es geworden ist, jungen Menschen demokratische Werte zu vermitteln, wenn sie in ihrem Umfeld ganz andere Botschaften hören.
Wir können Kindern helfen, Vorurteile zu hinterfragen. Wir können ihnen erklären, dass Menschen unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft denselben Respekt verdienen. Und wir können ihnen zeigen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist.
Aber dazu brauchen wir eine Politik, die selbst weiß, wofür sie steht.
Ich möchte nicht erleben, dass jüdische Familien in Deutschland wieder darüber nachdenken müssen, ob sie ihre Kinder noch sicher zur Schule schicken können. Dass Menschen ihre Kippa verstecken oder jüdische Einrichtungen nur unter Polizeischutz besucht werden können. Vor allem möchte ich nicht, dass wir uns an solche Zustände gewöhnen.
Antisemitismus darf in Deutschland niemals wieder gesellschaftsfähig werden. Weder von rechts noch von links. Und auch nicht unter dem Deckmantel religiöser Überzeugungen.
Berlin steht vor einer politischen Entscheidung. Für mich geht es dabei um weit mehr als die Frage, wer künftig im Roten Rathaus regiert. Es geht darum, ob wir aus unserer Geschichte tatsächlich etwas gelernt haben.
Und ob wir endlich bereit sind, danach zu handeln.
Wolfgang Büscher
Journalist, Buchautor und Sprecher der christlichen Kinderstiftung „Die ARCHE“
Bildquelle: privat
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