Bürokratische Unsitten

Zwar ist es schon ein  Weilchen her, da suchte ich das Einwohnermeldeamt in der Friedensstraße auf.

Ich brauchte seit geraumer Zeit einen Personalausweis, denn mein Pass ist viel zu groß, um ihn stets “am Mann” zu haben. Gedacht – getan. Und da ich mich bereits vorab informiert hatte, wusste ich (nahm ich zumindest an), dass auf zwei Etagen insgesamt in mindestens vier Zimmern abgefertigt wird. So betrat ich Wohlgemuts das etwas duster, um nicht zu sagen: finster wirkende Gemäuer. Und war das erste mal erstaunt: Eine steile Treppe führt in das erste Obergeschoss – kein Fahrstuhl oder ähnliches. Als Kniegeschädigter, dem seine Orthopädin geraten hatte, möglichst auf Treppen steigen zu verzichten, kam der erste Schock. Der 2. folgte gleich darauf. Als ich nämlich besagtes Obergeschoss erreichte, war der Weg noch eine Etage höher durch ein Seil versperrt. Die Räume da oben dienen wahrscheinlich für gemütlichen Büroschlaf – im Unterschied zu der im Erdgeschoss angebrachten Tafel. Wenn nicht zum Schlafen, dann keineswegs für die Anliegen der in einem Warteraum dicht gedrängt sitzenden Antragsteller, Ratsuchenden.
Wie als treuer teutscher Untertan gewöhnt, nahm ich “meine” Nummer vom Haken, setzte mich und harrte der Dinge, die nun folgen sollten. Und siehe – pünktlich 9 Uhr erfolgte der erste Aufruf. Kurz vor 9.30 Uhr erfolgte der Aufruf einer jungen Frau, die mit ihrem Begleiter – dem Verhalten nach stand/steht er ihr recht nahe. Als sie aus dem Abfertigungs-Zimmer zurück kam, folgte ihr Freund dem nächsten Aufruf. Doch weit gefehlt. Der Aufruf kam nicht. Er kam zumindest nicht gleich. Denn treue teutsche Beamtenseele – it’s coffee time (das ist Neudeutsch und meint soviel wie Kaffeepause oder Frühstückszeit). Knapp 30 Minuten später dann kam doch noch der erhoffte Aufruf. Denn frisch gestärkt ging man ans Werk. Nur – ich fürchtete schon eine vorgezogene Mittagspause. Was wäre wann?! Schließlich muss ja der das Amt besuchende Mensch auch arbeiten. Es sei denn, er ist Beamter oder einem Beamten ähnlichen Vertragsverhältnis (Abgestellter zum Beispiel). Nun – ich hatte Glück. Das Mittagessen gab es wohl doch erst nach 12. Ich dagegen war schon eine Stunde früher an der Reihe, um meinen Antrag für einen neuen Ausweis abgeben zu können. Dem Himmel sei Dank!
Doch zwischendurch gab es noch ein kleines Erlebnis: Kommt doch tatsächlich eine ältere Dame in Begleitung einer nicht viel jüngeren die Treppe mit mancherlei Pausen unterwegs herauf. Eigentlich eine Rollstuhlfahrerin. Und als ob die Natur es so wollte, kommt aus dem, von mir schon als leer stehend vermuteten 2. Obergeschoss ein Herr herab – nimmt die Leine Weg, um passieren zu können. Und als die alte Dame an diesen die Frage richtete, wo man denn ihren Rollstuhl abstellen könne, bekam sie die harsche Antwort: Sie haben nichts zu befürchten. Den können sie unten einfach stehen lassen. Nicht etwa, dass der Vertreter des Einwohnermeldeamtes auf die Idee kam zu fragen, wie er denn helfen könne…
Gibt es nicht eigentlich Berliner Gesetze hinsichtlich, welche Bedingungen Ämter des Landes und der Bezirke erfüllen müssen, dass sie auch für Behinderte erreichbar sind?! Neue Hotels beispielsweise müssen 10 Prozent ihrer Zimmer so gestalten, dass behindertengerecht und/oder –freundlich ausgestaltet sind. Jede neue Restauration, die eröffnet, muss Rollstuhlfahrern einen Zugang gewähren und eine entsprechende Toilette installieren. Wo aber bleibt das öffentlich Amt? Das Landeseinwohneramt in der Friedensstraße ist in dieser (und auch in anderer) Hinsicht wohl ein übles Beispiel.           Udalrich von Aratora

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