„Rund um die Welt – Tourismusplakate“

Werbung von Intourist für Gesellschafts – und Einzelreisen in die UdSSR um 1930 © DHM

Durchaus verdienstvoll wendet sich z. Z. eine Fülle von Ausstellungen Themen zu, die mit dem 80. bzw. 75 Jahrestag von Ereignissen verbunden sind, die sich mit dem NS-Regime verknüpfen.

Da hebt sich eine Exposition im Deutschen Historischen Museum (DHM) ab, die ein Thema aufgreift, das nur bei flüchtiger Betrachtung Einblick in bloße kulturgeschichtliche Prozesse zu gewähren scheint: geboten wird eine Übersicht über das 20. Jh. unter dem selten gewählten Aspekt zunehmender Freizeit und ihrer Verwertung. Ein der Geschichte gewidmetes Museum tut gut daran, zu erinnern, dass das heute Selbstverständliche  den meisten Urgroßeltern unerreichbar war. Das DHM macht das am Tourismus als Freizeitgestaltung fest, und als Anschauungsmittel dienen ihm 300 Plakate zum Thema Reisen und Erholung: stets informative, ausnahmslos künstlerisch ansprechende, immer auf  Verführung zielende Werbegrafik – die allerdings auch der Veränderung der Bildsprache unterworfen ist und gegen Ende des 20. Jhs. an den vom Fernsehen geprägten neuen Sehgewohnheiten nicht vorbei kommt. Dass durchweg nur Schokoladenseiten als Motive für Neugier auf  Fremdes gewählt werden, kann nicht verwundern: das Klischee des Exotischen wird durch Schönheit naturgemäß besser bedient als durch Problematik! Feministinnen werden dennoch ihre Freude an der Ausstellung haben: sie belegt nachdrücklich, dass spärlich bekleidete weibliche Körper in der Tourismuswerbung praktisch keine Rolle spielen! Werden exotische Motive zum Anreiz verwendet, orientieren sie sich an den Stereotypen Natur oder Monument.

Die beiden Urkatastrophen des in Frage stehenden Jahrhunderts (Erster und Zweiter Weltkrieg) sind aus dem Konzept der Ausstellung ausgeklammert – verständlicherweise, denn Freizeitreisen spielten in den Kriegsjahren natürlich keine Rolle (andere Reisen, wie sich ältere Leser erinnern, leider en masse!). Aber ein präziser Blick bringt doch rasch die Erkenntnis, dass nach einer jeweils bemessenen Phase der Erholung von dem Trauma sich dessen Überwindung in einer wahren Reisewelle niederschlug. Das trifft für die 1920er Jahre ebenso zu wie für die 1950er. Die letzteren leiten zugleich über zum Massentourismus – und zur Gewöhnung an ein für den Tourismus völlig neues Beförderungsphänomen: den Luftverkehr. Die einst so exklusive Seereise tritt dagegen zurück – ihre Wiederbelebung in schwimmenden Massenquartieren liegt  n a c h  der hier ausgewählten Zeit.

Leider taucht nicht ein einziger Beleg für die von Bundesbürgern gern genutzten „Neckermann-Reisen“ zu Urlaubszielen im Ostblock auf. Dabei spielten Jalta, Anapa, Mamaia, Goldstrand und Nessebar in den Zeiten der Blockkonfrontation doch eine gewaltige Rolle beim Abbau  eingefleischter Stereotype vom jeweils anderen – und boten ganz offizielle Gelegenheiten, zwischen Ost- und Westdeutschen Bekanntschaften zu schließen.

Weitere Informationen:  „Rund um die Welt – Tourismusplakate“ Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden 2, Ausstellungshalle Pei-Bau. 18.4. – 1.9.2013 – tgl. 10.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt bis 18 Jahre frei, sonst 8,- EUR, ermäßigt 4,- EUR

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