„Unerwartet Wunderbar“ – der Graefekiez

„Das Sofa lächelte uns an“, sagt Cristin Theis (27). Sie fand mit ihrem Bruder Daniel (35) ein Sofa an der Urbanstraße Ecke Schönleinstraße. Ein schöner Anlass, fanden sie, um ihren freien Tag nach draußen zu verlegen.

Der Graefekiez in Friedrichshain-Kreuzberg liegt zwischen Kottbusserdamm, Gneisenaustraße, Urban-Krankenhaus und Planufer. Seine zentrale Straße ist die südnordöstliche Graefestraße.

Nahadevan Sivasambu arbeitet 15 Stunden am Tag. Jeden Tag. Der 46-Jährige steht am Tag nach der Deutschen Einheit (2010) hinter seinem Holztresen in der Körtestraße 35. Er weist einem Kunden einen Internetzplatz zu.

… Wenn er von seinem Tag- und Nachtinternetgeschäft nach draußen sieht, sieht er den U-Bahnhof vor der Kirche am Südstern. Die Gegend findet er ruhig. Draußen hupen Autos. Eltern bringen Kinder nach Hause, Schulranzen baumeln an Schultern und Rädern. Es riecht nach Herbstwärme, vereinzelt singen Vögel.

Im Graefekiez stehen besonders viele fünfgeschossige Altbauwohnungen. Ein Telefon bimmelt. „Is’ ja toll. Europa hat gewonnen.“, sagt Andrea Heinl, 40. Damit meint sie ein Golfturnier. Vor ihr sitzen ihre zwei Kinder und sehen sich Spielzeug in einem Schaufenster an. Die drei gehen weiter. Im dritten Hof der Höfe am Südstern liegt im vierten und fünften Stock Sputnik.

Wer den fahrstuhllosen Weg hier hoch schafft, findet Berlins höchstes Programmkino. Betreiberin Andrea Stosiek öffnet die Tür. Rotes Licht, sorgfältig angehangene Filmplakate, handbetriebene Projektoren. In dem Kino werden seit 22 Jahren Kunst- und Dokumentarfilme in zwei Vorführräumen gezeigt. So ein Kino überlebe allein durch Mundpropaganda, sagt Andrea Stosiek. Außenwerbung an den denkmalgeschützten Hofsbauten sei verboten. „Das ist Berlin.“, sagt sie. „Es braucht Entdeckerlaune. Man läuft irgendwo lang und entdeckt unerwartet etwas Wunderbares.“ Unzählige Flyer weisen in dem Kino auf andere Orte im Kiez hin.

Ähnliches gilt für das Nachbarschaftshaus Urbanstraße 500 Meter weiter. In der ersten von zwei Etagen der gelb angestrichenen Villa hängen, liegen und stecken Gesuche und Werbung aus dem Graefekiez. Eine Mitarbeiterin des Hauses erklärt dessen Idee. „Das Haus will offen für alle sein. Es bietet ein Forum für Leute, die Ideen umsetzen wollen.“ Tanzlehrer John van den Dolder sucht gerade sein Handy. Beim Umherlaufen knatschen die Dielen in der großen einstigen Offizierskaserne. Der 40-jährige Choreograph hat das Gerät vermutlich beim Tanzunterricht verloren.

Seit bald drei Jahren trainiert und unterrichtet er hier Modernen Tanz. „Das Holz federt gut, der Raum ist schön groß.“, sagt er und sucht weiter. Auf dem Spielplatz am Zickenplatz werfen Anwohner Boulekugeln. Der Gewinner bekommt zwei Euro.

Gamal Shehata, 49, ist auf dem Weg zur Werner-Düttmann-Siedlung im südlichen Teil des Kiezes. „Der Bezirk lebt.“, sagt er. Alles sei hier. Noch um 24 Uhr könne man beispielsweise bequem essen und einkaufen gehen. Zig Cafés stünden zur Auswahl.

Einige Meter weiter vor der mitgenommenen alten Holztür der Graefestraße Nummer 75 steht ein einzelner Name: Frost. Die Klingel ist gedrückt. Nichts tut sich. MieterIn Frost öffnet nicht die Tür. Die Uhrverkäuferin von nebenan kommt aus ihrem wegen Diebstahl grundsätzlich zugeschlossenem Geschäft. Zig Analoguhren zeigen im Schaufenster auf 15.46 Uhr, einige Digitaluhren ergänzen den 18. Oktober (2010).

Risse in der Wand

Die Verkäuferin öffnet das Haus. Im Flur ist es dunkel und kalt. In einer Ecke hängt ein Schild mit der Aufschrift „Tür zu!“. Etwas in einem Sicherungskasten tickt schnell und laut. Die Decke ist voll von Stuck. Das Haus wird gerade saniert. Aus den oberen Stockwerken kommen Stimmen von Handwerkern. Die Klingelanlage der zehn MieterInnen im Haus werde bald wieder gehen, meint ein Handwerker neben einem Stromkabel. Alles werde an dem Haus repariert. Das kaputte Licht im miefigen Keller, der aufgebrochene Briefkasten im Erdgeschoss, die Risse in den mit Graffiti versehenen Wänden und das fehlende glaslose Fenster im obersten Stockwerk, durch das kalte Luft strömt.

Kreuzberger Szenereste

Fast jedes zweite Haus in der Graefestraße ist sanierungsbedürftig. Der 26-jährige Berliner „Mister T.“, er möchte in der Zeitung so genannt werden, zeigt mit ausgestrecktem Arm auf zwei der fünfgeschossigen Altbauhäuser in der Straße. Außen pfui, dann auch innen pfui. In Bezug auf den Sanierungsstand gelte dies im Kiez für sämtliche Häuser. Er sitzt mit zwei Freunden draußen vor dem Café Room 77 und spricht über Kreuzberg. „Ein bisschen Hausbesetzerszene gibt es noch. Irgendwann sind wir bei den steigenden Mieten aber alle in Hellersdorf.“ Neben ihm friert bei hellblauem sonnigem Himmel ein australischer Freund von ihm aus Melbourne. Seine Lippen sind bläulich angelaufen. Auf Englisch lobt er die günstigen Mietpreise im Kiez.

In der Dieffenbachstraße um die Ecke genießt Werner von Schmausengarten seinen Feierabend. Der 48-jährige Anwohner trinkt ein Bier vor den alten Räumen des Vereins Graefe-Kiez. Er wirbt für das Kinderbuchgeschäft Nimmersatt einige Häuser weiter. Dort habe er auch bereits Lesungen für Kinder gehalten. Warum der Graefe-Kiez nah und fern so beliebt sei? Bestimmte kreative Leute wüssten die authentischen Nachkriegsbauten halt zu schätzen, erzählt er und trinkt sein Bier weiter.

Platz für gemeinsames Erleben

Auf den Straßen im Kiez ist es herbstlich frisch. Laub liegt auf den Bürgersteigen. Ein Kleinkind zieht einen grünen langen Zuckerfaden aus einer kleinen Tüte und isst ihn mit freudigem Gesichtsausdruck. Dass sein Vater wenige Schritte weiter über ein für ihn ungünstig parkendes Auto schimpft („Wenn der Arsch sich anderswo hinsetzen würde, könnte ich …“), stört es nicht. Am Planufer joggt ein Mann mit Kopfhörern in Richtung Admiralsbrücke.

Die 22-jährige Belina Christia sitzt trotz der kühlen Temperaturen mit einer Freundin auf einem Steinpoller auf der Brückenmitte und unterhält sich. „Ein solcher Platz für gemeinsames Erleben sollte erhalten bleiben“, sagt die Australierin aus Melbourne. Damit bezieht sie sich auf die derzeitige breite Diskussion zur Zukunft der Brücke. Im Hintergrund spielt ein Musiker Gitarre und singt zwischendurch immer mal wieder. Er sieht froh aus.

Text und Foto J. Tust

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