Späte, aber opulente Würdigung des „Alten Reichs“

Wirklich ungewöhnlich ist es nicht, dass Herrschaftsgebilde, deren Untergang mit Häme und vom Sieger organisierter Delegitimierung verbunden war, nach einer gewissen Zeitspanne nüchterner und gerechter beurteilt werden.

Dabei kommt mit dem zeitlichen Abstand dann zutage, dass dem geschmähten Gebilde positive Seiten innewohnten, an die man gern in der Gegenwart anknüpfen würde. Freilich dauert alles seine Zeit: beim Weströmischen Reich brauchte es wie bei der klassenlosen Täuferkommune von Münster immerhin weit über 300 Jahre bis zu einer Besinnung auf deren Stellenwert in der Geschichte.
Gelegentlich dauert es nur 200 Jahre. Das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ ist 1806 verschieden, ohne dass ihm damals eine Träne nachgeweint wurde, und in der folgenden Epoche der Nationalstaaten wurde ihm noch kräftig nachgetreten. Jetzt widmet sich eine glänzend bestückte Doppelausstellung in Magdeburg und Berlin der von 962 bis 1806 währenden Geschichte des Phänomens „Sacrum Imperium“ und rettet dessen von der preußischer Geschichtsschreibung vorsätzlich als „Monstrum“ ramponierten Ruf.
Auf Berlin entfällt dabei der zweite Teil, der von der Reichsreform 1495 bis zur Auflösungserklärung durch Kaiser Franz II. geht. Er ist im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Das hat mit seiner im Juni eröffneten Dauerausstellung einen beachtlichen Maßstab gesetzt für die Qualität einer gehaltvollen Geschichtsschau. Mit der neuen Ausstellung passt es sich dem selbst gesetzten Niveau absolut an: an Opulenz der Ausstellungsgegenstände übertrifft es seine Dauerpräsentation womöglich noch. Das liegt u.a. daran, dass die  Doppelausstellung als eine (die 29.) des Europarates gesponsort wird und daher internationale Leihgeber bereit waren, ihren Teil beizutragen. Am spektakulärsten dürfte die Bereitschaft der Queen zählen, aus ihrer Privatsammlung in Windsor Castle eine einmalig schöne Bronzebüste von Kaiser Karl V. aus dem Jahre 1555 auszuleihen. Ihrem Beispiel folgten mit wertvollen Exponaten u.a. der Regierende Fürst von Liechtenstein, die Fürst-Esterházy-Privatstiftung, das Prager Jüdische Museum, das Polnische Nationalmuseum. So wird der Rundgang durch die 1.500 m² umfassende, in acht Abschnitte untergliederte Ausstellung mit ihren 650 Exponaten zu einem wahren Augenschmaus – zumal die Gestalter die notwendigen Texte in knappster Form servieren.
Ohne mit dem didaktischen Zeigefinger zu winken, vermittelt die Ausstellung doch die eine Grundidee: das „Alte Reich“ wieder ins Bewusstsein zu holen als ein rechtlich relevantes Dach über einer föderal organisierten Struktur, in die sich zahlreiche Ethnien, unterschiedliche Stände und divergierende Interessengruppen einzupassen hatten, um ein geregeltes Miteinander zu gewährleisten – wenigstens dem Anspruch nach (der bei weitem nicht immer gegen die Egoismen innerhalb der Struktur durchzusetzen war)! Der Europarat hätte angesichts der z. Z. in Europa anstehenden Diskussionen über die Organisierung des Kontinents kaum ein geeigneteres Thema zur Unterstützung auswählen können…
Dr. Wernicke

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806. (T.2:) Altes Reich und neue Staaten 1495-1806. Deutsches Historisches Museum/Pei-Bau, 28.8.-10.12.2006. Tgl. 10 – 18 Uhr, Eintritt 4 E. Jgdl. bis 18 Jahre frei. Katalog 630 S., 530 Abb. 30 E.

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