“Fröhliches Chaos” im Wintergarten

Das aktuelle Wintergartenprogramm diesmal ganz anders. Musik ist nicht das Begleitende, sondern das Dominierende, Prägende. Die artistischen Darbietungen sind austauschbar, eingebettet in einen Rausch von Melodien, hervorgezaubert von Vollblutmusikanten aus mehreren Ländern.Balagan – so der Titel des Programms. Spricht man es französisch aus, oder englisch? Das Rätsel wird gelöst. Balagan nannte man vor vielen Jahren in osteuropäischen Städten den großen Marktplatz, auf dem sich viele Menschen trafen und fahrendes Volk seine Künste zeigte. Wurzeln des Jahrmarktes und der Schaubuden. Heute steht das Wort Balagan im Russischen in etwa für “Tohuwabohu”, “fröhliches Chaos”. Und genau das erwartet den Wintergarten-Besucher.
Schon vor Jahren hatte der Italiener Vita Sebastiano Toma die Idee zu einer solchen wilden Show, als er eines Tages nahe der Kiewer Circusschule einer Gruppe Musiker begegnete, die ihn durch ihre unbändige Lust am Musizieren beeindruckte. Er organisierte ein Casting, zu dem Hunderte von Künstlern geladen waren. Zu den schließlich Auserwählten gehörten der ukrainische Komponist und “Teufelsgeiger” Marc Chaet und der Kontrabassist Sergej Sweschinskij, weitere Musiker folgten, und so wurde “Balagan” aus der Taufe gehoben. Unter der Regie von Toma übernahmen Chaet und Sweschinskij auch die musikalische Leitung dieses bunten Feuerwerks. Wäre noch die Sängerin Momo Kohlschmidt zu nennen, die das Spektakel mit kraftvoller Stimme begleitet, oder, wenn sie nicht gerade stimmlich gefordert ist, auch kess auf – im wörtlichen Sinne – die Pauke haut. Unbedingt zu würdigen auch die Lichtgestaltung von Peer Bonsack. Wechselnde stimmungsvolle Bilder auf der Bühnenrückwand unterstreichen die Aussage der Musik.
Wenn ich eingangs schrieb, dass die Musik dominiert und die artistischen Nummern “eingebettet” sind in das furiose Geschehen, so habe ich bewusst das einschränkende Wörtchen “nur” vermieden; denn das, was geboten wird, ist allererste Klasse. So die Ukrainerin Ksena, die in eine Männerdomäne eingedrungen ist und geschickt und perfekt mit Bällen jongliert, dies mit modernem Tanz verbindet, wie es eben nur eine Frau kann. Zwei ihrer Landsleute, die als Paar unter dem Künstlernamen Passion auftreten, zeigen elegante, anmutige Balanceakte, wobei die Frau den “Untermann” darstellt. “Alte” Wintergarten-Bekannte sind Maryna und Svetlana. Die Zwillinge aus Minsk lassen in atemberauschendem Tempo Tücher auf Händen und Füssen kreisen. In einer zweiten Darbietung geizen sie nicht mit ihren Reizen, wenn sie am Bühnenhimmel in einem doppelten Ring eine ebenso elegante wie kraftvolle Performance zum Besten geben. Drei junge Franzosen – LES PETITS FRERES – begeistern mit rasanten Kaskaden, sie wirbeln wie der Wind über die Bühne, schnell, sicher, und lausbubenhaft.
Als ein Mensch, der gern lacht, vermisse ich in solchen Fällen immer etwas den Wortwitz. Aber andererseits ist bei dieser turbulenten musikalischen und artistischen Show ein Conferencier gar nicht erforderlich – sie spricht für sich selbst.
Übrigens, wer glaubt, das Wintergarten-Orchester habe eine Auszeit, der irrt. Zur Zeit befindet sich der Wintergarten mit “Sterne des Varietés” auf Tournee quer durch Deutschland.                       Gerry Michaél

Wintergarten Varieté, Potsdamer Str. 96, 10785 Berlin, Tel. 030/25008888. BALAGAN steht noch bis 29.Januar 2005 auf dem Programm. Vorstellungen Mo-Fr 20 Uhr, Sa 17 und 21 Uhr, So 18 Uhr.

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